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44 Gewalt in der Schule: Von Schlägern und Prügelknaben Sebastian und Lukas sind Freunde. Zusammen mit 29 anderen gehen sie in die zweite Klasse. Vor kurzem ist noch Raiko dazugekommen. "Raiko ist blöd", finden Sebastian, Lukas und ein paar andere. Er hat weder Game-Boy noch Baseballkappe, seine Sachen sind "so oll". Sebastian und Lukas haben sich Raiko gegriffen, ihn festgehalten und abwechselnd zugetreten: ins Gesicht, in den Bauch, überallhin. Sie hören nicht auf, auch als er schon blutend am Boden liegt. Raikos Mutter hätte sich die beiden Schläger allerdings am liebsten erst mal richtig vorgeknöpft. Ihre Eltern angerufen, Anzeige erstattet, in der Schule Alarm geschlagen. Doch zuerst braucht ihr Sohn jetzt Trost und Verständnis. Sie atmet tief durch und nimmt ihren Jungen in den Arm. Raiko erlebt, dass er Schwäche und Angst auch zeigen darf. Seinem stark angeknacksten Selbstbewusstsein hilft das schon ein bisschen auf die Beine. Mehr jedenfalls als der gut gemeinte Rat: "Wehr dich doch! Hau doch wieder!" Da kriegt man höchstens das Gefühl, dass man so, wie man ist, seinen Eltern nicht recht ist. Und das demütigt ein zweites Mal. Auch bei Lena und Katharina muss eine solche Vermittlung geschehen. Kinder müssen erleben, dass ihre Taten nicht hingenommen werden, sondern Folgen haben. Klar muss die Botschaft sein, wenn sie ankommen soll: Verletzen oder Schikanieren wird an unserer Schule nicht geduldet. Gibt es auch in der Klasse Ihres Kindes eines, das immer gleich draufhaut? Werden jüngere Schüler von älteren schikaniert? Dann sollten Sie das zum Thema der nächsten Elternversammlung machen. Einfach ist das nicht: denn schnell werden Eltern aufgespalten in diejenigen, deren Kind "so etwas nicht tut", und die anderen, die vermeintlich in der Erziehung versagt haben. Das bringt aber keinen weiter! Konflikte sollten nach vorne gerichtet angegangen werden: Was soll in der Klasse, in der Schule anders werden? Wenn es Ihr Kind ist, das öfter andere haut ... Erinnern Sie sich noch? Wir haben im Brief 36 schon einmal über Taschengeld gesprochen. Aber inzwischen ist Ihr Kind zwei Jahre älter. Einiges gilt heute noch genauso: Taschengeld ist Geld für die Tasche - zur freien Verfügung für kleine Wünsche. Ihr Kind darf es verkleckern oder auch für Dinge ausgeben, die Ihnen gegen den Strich gehen. Sie dürfen es zwar beraten, aber Vorschriften machen sollten Sie ihm nicht. Wenn Ihnen die Summen, die es verplempert, wehtun, wenn seine Neigung, alles in Süßigkeiten anzulegen, seine Ernährung und die Gesundheit seiner Zähne ernsthaft gefährdet, dann hat es zu viel Taschengeld - also: lieber knapp halten, höchstens einen Euro pro Woche in der ersten Klasse, zwei Euro in der zweiten, drei in der dritten. "Die anderen kriegen aber mehr!" Ein bisschen werden Sie sich schon an den Summen orientieren, die andere Kinder bekommen. Aber jede Unvernunft müssen Sie nicht mitmachen. Unterlaufen die Großeltern Ihre Bemühungen durch großzügige Geldgeschenke? Vielleicht können die Beträge, die sie den Kindern schenken möchten, in eine Extraspardose kommen und für größere Anschaffungen verwendet werden. Wenn Sie möchten, dass Ihr Kind vernünftige Maßstäbe fürs Geldausgeben lernt, lassen Sie es auch teilnehmen an Ihren Bemühungen, das Geld einzuteilen. Das beginnt beim Einkaufen. Was kosten die Gummibärchen, was die Wurst, was kostet ein Paar Schuhe? Dann sind da noch Ausgaben, deren Gegenwert man nicht so handgreiflich sieht: Was kostet die Miete, der Strom, die Krankenversicherung? Wenn Sie sehr knapp kalkulieren müssen, weil Sie arbeitslos sind oder einen Kredit abzuzahlen haben, erklären Sie auch das. Ihr Kind sollte nicht den Eindruck haben, Geldmangel sei etwas, worüber man nicht sprechen kann, wofür man sich schämen muss. Und Geld für gute Zensuren? Mit sieben Jahren kann man schon eine Menge: Brötchen, Zeitung oder Milch holen, den Weg zum Spielfreund allein gehen, wenn der Straßenverkehr nicht zu gefährlich ist. Einige fahren auch schon allein mit Bus oder Straßenbahn. Aber das will geübt sein. Boris will zum ersten Mal allein zum Judotraining fahren. Klar weiß er, wo er aussteigen muss! Ganz so klar wohl doch nicht. Als die Häuser im Vorbeifahren immer fremder aussehen, überwindet er seine Scheu und fragt den Busfahrer. Der schlägt vor: "Fahr mit bis zur Endhaltestelle, auf dem Rückweg sage ich dir, wo du aussteigen musst." Dann muss Boris noch dem Trainer erklären, warum er zu spät kommt und schließlich mit dem Bus wieder heimfahren. Ziemlich geschafft ist er ja, aber stolz wie Oskar!Die ersten Male werden Sie Ihr Kind bei seinen Fahrten noch begleiten. Üben Sie dann auch das Verhalten beim Ein- und Aussteigen. Wenn der Bus oder die Straßenbahn gerade kommt - Vorsicht vor Autos und Radfahrern! Und nicht zu dicht an die Bordsteinkante.Mit einer U-Bahn ist es zu Anfang noch schwieriger. Das Kind kann nicht verfolgen, wohin die Bahn fährt, leicht taucht es in einer völlig falschen Gegend auf. Und kein Busfahrer, den man fragen könnte.Trauen Sie Ihrem Kind zu, auch damit zurechtzukommen? Besprechen Sie auch mit ihm, was es tun kann, wenn es sich verfahren hat. Geben Sie ihm ein paar Groschen oder eine Karte zum Telefonieren mit. Hat es Ihre Nummer im Kopf?Sie beobachten, was Ihr Kind bewältigen kann. Die Kunst besteht darin, ihm nicht zu viel, aber auch nicht zu wenig zuzutrauen. Das Fahrrad ist in diesem Alter nur als Spielzeug auf verkehrsfreien Flächen zu gebrauchen. Dem Straßenverkehr ist ein Siebenjähriges ohne Begleitung von Erwachsenen noch nicht gewachsen. Erst sollte es die Radfahrausbildung in der Schule mitmachen und auch danach lieber noch eine Weile auf dem Gehweg fahren. Immer mit Helm! Kann man Siebenjährige abends allein lassen?Lieber nicht. Von der Selbstständigkeit des Tages ist oft nicht viel übrig, wenn ein Kind allein im Dunkeln aufwacht. Da sollte wenigstens eine Nachbarin informiert sein, bei der es klingeln oder klopfen kann. Sonst ist ein Babysitter doch sicherer. Oder klappt es problemlos mit dem Telefonieren? Kann jemand in wenigen Minuten da sein? Anorak unter der Heizung, Schulsachen zwischen Puppenkram auf dem Fußboden, Bananenschalen unter dem Bett - kennen Sie das? Sind Sie auch schon mit nackten Füßen auf Legosteine getreten, wenn Sie versuchten, im Dunkeln das Kinderzimmerfenster aufzumachen? Bei Nina zu Hause gab es ständig Streit ums Aufräumen. Das nervte Eltern und Kinder. Nach einer großen Aussprache hängt jetzt ein Zettel mit folgenden Beschlüssen am Küchenschrank: o Nina und Jakob verteilen ihre Siebensachen nicht mehr in der ganzen Wohnung. Ob Sie etwas Ähnliches probieren? Was sind bei Ihnen die Steine des Anstoßes? Wenn das Kind den Anforderungen der Schule nicht gewachsen ist ...Förderausschuß: Welche Hilfen braucht das Kind In Gesprächen mit der Klassenlehrerin wird klar, dass Beate ohne zusätzliche Förderung den Anforderungen der Grundschule nicht genügen kann. Um feststellen zu können, welche Hilfen für Beate sinnvoll sind und ob sie weiterhin die Grundschule oder eine Sonderschule (mancherorts auch Förderschule genannt) besuchen soll, wird ein so genannter Förderausschuss einberufen. In diesem Ausschuss sind alle an der Erziehung des Kindes Beteiligten vertreten: Eltern, Schulleiter, Lehrer, Schulpsychologe, Schularzt, manchmal auch ein Therapeut. Der Ausschuss berät über den weiteren Bildungsweg des Kindes und erarbeitet eine Empfehlung. Förderausschüsse wie bei Beate gibt es leider noch nicht überall. In einigen Bundesländern wird die Entscheidung ohne Einbeziehung der Beteiligten allein durch ein sonderpädagogisches Gutachten getroffen. Ob ein Kind an der Grundschule bleiben kann oder die Sonderschule besuchen wird, hängt neben der Behinderung des Kindes auch davon ab, welche zusätzliche sonderpädagogische oder therapeutische Förderung innerhalb der Grundschule möglich ist. Manchmal reicht es aus, wenn das Kind im Unterricht (bei Bedarf auch zu Hause) durch einen Schulhelfer Unterstützung bekommt. An einigen (wenigen) Grundschulen können Kinder mit Lernschwierigkeiten in sonderpädagogischen Kleinklassen unterrichtet werden. Auch wenn nach Möglichkeit eine gemeinsame Erziehung aller Kinder - mit und ohne Behinderung oder Schwächen - an einer allgemeinen Schule angestrebt werden sollte, gilt im Einzelfall: Wichtiger als die Schulart sind eine gute Förderung und das Wohlbefinden des Kindes. Sprechen Sie mit Ihrem Kind darüber, ob es sich in seiner jetzigen Klasse wohl fühlt. Wenn an Ihrer Schule keine ausreichenden sonderpädagogischen Maßnahmen möglich sind, wenn die Klassen sehr groß sind, wenn der Leistungs- und Zensurendruck stark ist, dann ist ein Kind wie Beate an einer solchen Schule sicher nicht gut aufgehoben. Es wird sich an einer Sonderschule mit kleineren Lerngruppen und mehr Zeit für den Lernstoff wahrscheinlich wohler fühlen. Sehen Sie sich die für Ihr Kind in Frage kommende Sonderschule einmal an, sprechen Sie mit der Schulleitung und den Lehrern, dann fällt Ihnen die Entscheidung leichter. In jedem Fall bedeutet ein Schulwechsel eine Umstellung. Es ist wichtig, dass Sie mit Ihrem Kind darüber reden, warum es nun in eine andere Schule geht und was diese Umschulung mit sich bringen wird. Es muss sich in eine neue Klassengemeinschaft einleben. Vielleicht muss es sich auch mit den Vorurteilen seiner Umwelt ("Hilfsschüler") auseinander setzen, wozu es Ihren Rückhalt und Optimismus braucht. Und schließlich muss der Wechsel in die Sonderschule nicht endgültig sein. Die Sonderschule hat die Aufgabe, die Kinder so zu fördern, dass sie wieder auf die Regelschule zurückkönnen. Aber auch auf der Sonderschule kann ein Kind einen Schulabschluss erreichen, der dem Hauptschulabschluss vergleichbar ist. Er berechtigt zur Lehre.
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