Titel: Ein Kind aus einem fremden Land
Untertitel:

Ein Kind aus einem fernen Land

Gerade waren wir von unserem Sommerurlaub in der Türkei nach Deutschland zurückgekehrt. In den ersten Tagen sah ich die Stadt, in der ich geboren und aufgewachsen bin, mit anderen Augen – wie eine Fremde. Und wieder dachte ich über die Bedeutung von „Heimat“ nach. Heimat ist kein bestimmter Ort, es ist eine Sehnsucht: Sie wechselt den Ort, sowie man ihr folgt.
Am ersten Morgen nach den Ferien trafen wir im Kindergarten auf eine marokkanische Familie, der Monika, die Leiterin, gerade die Räumlichkeiten zeigte. Nachdem wir einander begrüßt hatten, sagte Monika: „Canan ist aus der Türkei. Wir haben hier viele Kinder, die wie Sie von weit her kommen.“
„Wir kommen nicht von weit!“, widersprach Canan. „Wir können sogar zu Fuß hierher laufen.“ Die feinfühlige Monika begriff gleich, dass sie aus Gedankenlosigkeit ins Fettnäpfchen getreten war.
„Du hast völlig Recht“, sagte sie, Canan übers Haar streichend. „Du bist hier geboren und stammst aus diesem Stadtteil.“
Karin, Canans Erzieherin, hatte die kleine Szene mitverfolgt. Später im Gruppenraum erklärte sie mir: „Die Kinder wollen nicht herausgestellt werden. Sie wollen `stinknormal´, so wie alle anderen sein.“
Nach meiner dreiwöchigen Abwesenheit sah ich den Kindergarten mit anderen Augen. Wie schmuddelig er doch wirkte, besonders die ehemals weißen, nun aber vergilbten und fleckigen Wände.
„Ein neuer Anstrich wäre nicht schlecht!“, sagte ich zu Karin.
Auch auf dem Nachhauseweg kam mir vieles ungewohnt vor. Alles, so schien mir, läuft planmäßig, in geordneter Bahn. Die Busse kommen pünktlich, sind komfortabel, man findet einen Sitzplatz. Selbst mit dem Kinderwagen kommt man mühelos hinein. Ich dachte an die überfüllten Busse in der Istanbuler Hitze! In der Türkei bleibt es auf den Straßen bis Mitternacht lebendig. Hier sind die Straßen am Abend menschenleer, wie ausgestorben. Und die Leute sehen so ernst aus. Kaum jemand redet oder lacht. Das bedrückt mich. Auch wenn der Alltag hart ist, suchen die Menschen in der Türkei den Kontakt zueinander und genießen das Leben.
Und noch etwas fiel mir auf: Wie wir versuchen, Ersatz-Heimaten zu schaffen. Bei dem Änderungsschneider an der Ecke hängt an einer Wand ein großes Bild der Sultan-Ahmet-Moschee, an der anderen ein Galatasaray-Poster. Im Schaufenster der Bäckerei leuchtet grünlich eine Nachbildung der Kaba. Das Dolmetscherbüro ist genau wie die Büros in der Türkei eingerichtet. Hinter dem Schreibtisch prangt ein Porträt von Atatürk. Ein Nachbar von uns hat in einer Ecke des Hofes ein paar Zwiebeln, Zucchini und Paprika gepflanzt. Sicher träumt er beim Gießen von seinem Garten, den er zurücklassen musste. Türkische Zeitungen, türkisches Fernsehen, türkische Videos! In den Cafés spielen arbeitslose Männer Karten und Kinder auf der Straße Himmel und Hölle.
Die Totenfeier Mevlit
Zu Hause rief mich Nalan an.
„Ihr kommt doch heute Abend? Oder habt ihr es vergessen?“
„Wie könnten wir! Natürlich werden wir da sein“, antwortete ich. Nalans Schwiegervater war vor einigen Wochen gestorben. Für ihn war es die Erlösung von einem schweren, unheilbaren Lungenleiden gewesen, das er sich wahrscheinlich durch die Arbeit mit asbesthaltigen Materialien geholt hatte.
Mehr als dreißig Menschen versammelten sich am Abend in der kleinen Dreizimmerwohnung von Nalans Schwiegermutter. Die Gäste zogen die Schuhe aus und hockten, wo immer sie Platz fanden, auf dem Boden. Obwohl Tante Fatma schon sehr lange hier lebt, unterscheidet sich ihre Wohnung bemerkenswert wenig von einem Dorfhaus in der Türkei. Auch die Wohnung meiner Eltern sieht so aus – mit Diwan, Sitzkissen, spitzenumsäumten Kissen, der Bosporus-Brücke auf einem Wandteppich. Zwar entspricht das nicht gerade meinem Geschmack, aber es erinnert mich an die Kindheit und wärmt mir das Herz.
Schließlich waren alle Räume brechend voll. Die Kinder verzogen sich mit Comics hinüber in die Nachbarwohnung. Hakan nahm ein Fotoalbum aus einer Glasvitrine mit.
Türkischem Brauch gemäß hatte Tante Fatma vierzig Tage lang getrauert. Während dieser Zeit hatte sie es vermieden, auszugehen, hatte nicht getanzt, nicht gelacht und wenig geredet. Nun, am Abend des vierzigsten Tages, verlas der Hoca zum Abschluss der Trauerzeit feierlich das Gedicht, das Süleyman Çelebi anlässlich der Geburt des Propheten geschrieben hatte. In der Hitze und der drangvollen Enge war die Zeremonie eine harte Prüfung. Tante Fatma schien einer Ohnmacht nahe, man rieb ihr Stirn und Handgelenke mit Kölnisch Wasser, bis sie wieder zu sich kam.
Irgendwann schlug der Hoca das Buch zu.
„Damit ist die Trauerzeit beendet“, verkündete er. „Die Verwandten des Verstorbenen haben ihr Teil getan.“
Nachdem der Hoca sich verabschiedet hatte, gingen auch die meisten Gäste. Nur die engsten Freunde der Familie blieben, Nalan und ihr Mann Özcan, Nalans älterer Bruder Alpay mit seiner Frau Inge, ihr Vetter Hulusi und dessen Frau Sevgi, Onkel Hüsnü und Tante Safiye, die aus dem gleichen Dorf wie der selige Onkel Rıza stammen, Selami bey und Ayşe hanım aus der Nachbarwohnung, Oktay, ich und alle unsere Kinder. Onkel Hüsnü und Selami bey gehören der ersten Einwanderungsgeneration an.
Es war noch zu früh, um Tante Fatma allein zu lassen. Nalan bot türkischen Honig und Kölnisch Wasser an. Tante Fatma holte ein Tablett Baklava aus der Küche. „Das kann man nicht trocken essen, wir brauchen Kaffee dazu“, sagte Nalan. Ich half ihr schäumenden Mokka zu kochen.
„Allah segne euch“, sagte Selami bey. „Es ist wie zu Hause.“
„Wie ist das nur möglich“, sann Onkel Hüsnü, „dass der arme Rıza sich tatsächlich fast vierzig Jahre lang hier abgeplagt hat. Nur um am Ende in die Heimat zurückzukehren, aus der er gekommen ist: die schwarze Erde. So geht es uns allen.“
„Dachte denn einer von uns ans Sterben, als wir damals hierher kamen?“, sagte Selami bey. „Noch nicht einmal was die Leute hier essen, was sie trinken, ob wir ihre Sprache verstehen, fragten wir uns. Jahrzehntelang haben wir unsere Toten mit dem Flugzeug nach Hause gebracht. Rıza wünschte, bei seinen Kindern beerdigt zu werden. Wer wird in der Türkei mein Grab pflegen? sagte er immer. Aber einfach war es nicht, hier eine Ruhestätte für ihn zu finden.“
„Auch wir kommen mal an die Reihe“, meinte Tante Sevgi. „Das Problem betrifft uns alle. Wir leben und arbeiten hier, zahlen hier unsere Steuern. Da ist es unser gutes Recht, in der Nähe unserer Kinder begraben zu sein.“
„Einige christliche Friedhöfe weisen inzwischen ein paar Parzellen für Muslime aus, aber das reicht bei weitem nicht. Man muss das irgendwie besser regeln“, sagte Tante Safiye.
„Und was ist mit uns?“, fragte Alpay. „Wird man uns genau an der Grenze begraben, mich auf der einen und Inge auf der anderen Seite?“
„Das ist sehr schwierig“, sagte Tante Safiye halb im Scherz. „Hättest du mal lieber vor der Heirat daran gedacht.“
„Könnte man nicht Gemeinschaftsfriedhöfe für alle, Muslime, Christen und auch für Juden anlegen?“, fragte Onkel Hulusi. „Wer will, läßt sich dann dort begraben.“
Onkel Selami grübelte.
„Nein, im Ernst, niemand von uns hatte damals solche Dinge im Sinn. Was haben wir für einen langen Weg hinter uns. Ich weiß noch gut, wie wir uns in den ersten Jahren nach einem Stück Schafskäse, nach Zucchini oder Auberginen sehnten. So etwas gab es nichtmal in der Apotheke! Nach jedem Urlaub schleppten wir säckeweise rote Linsen und Kichererbsen mit. Heute findet man an jeder Ecke einen türkischen Laden, Imbisse, Restaurants. Soll nur ja keiner glauben, dass es einfach war, all das aufzubauen. Wer seine Stelle verlor, machte einen Laden oder ein Restaurant auf und schuftete rund um die Uhr – ein verdammt harter Überlebenskampf, von dem am Ende die ganze Gesellschaft profitierte.“
Özcan unterbrach ihn.
„Onkel, du sprichst von der Heimat. Aber wo ist die? Wenn es die Türkei ist, dann welche? Zwischen der Türkei, die du von vor vierzig Jahren kennst und der heutigen Türkei liegen Welten. Wenn du heute zurückkehrst, bist du auch dort fremd.“
„Sodass wir uns zuletzt nach Deutschland sehnen“, sagte Onkel Selami.
„Genau“, pflichtete Onkel Hulusi ihm bei. „Ich kann ein Lied davon singen.“
Vor sechs Jahren, als man Häuser von Türken in Brand gesteckt hatte, war Hulusi zurückgekehrt und hatte in einem Touristenort ein Lebensmittelgeschäft eröffnet. Nachdem kurz darauf neben ihm ein riesiger Supermarkt aus dem Boden gestampft worden war, konnte er den Laden nicht mehr halten und war, tief verschuldet, noch einmal zurückgekehrt – diesmal nach Deutschland.
„Jetzt gibt es auch in der Türkei überall diese Supermärkte“, klagte er.
„Warte mal ab“ erwiderte Hüsnü. „Wenn wir in der EU sind, wandern alle zivilisationsmüden Deutschen in die Türkei aus, um dort kleine Läden und Restaurants zu eröffnen.“
Wir lachten. Darf man bei einer Trauerfeier lachen? Warum nicht? Die vierzig Tage sind ja um.
„Was immer wir taten, es war für unsere Kinder“, hob Onkel Hüsnü neuerlich an. „Was kümmern mich Autos, Fernseher, Video. Ich will nur, dass unsere Kinder keine Armut leiden!“
„Hier sind auch die Kinder gefordert“, sagte Özcan, „besonders, wenn beide Eltern arbeiten. Da müssen die Kleinen sich früh in Selbständigkeit üben. Ja, die vierzig Jahre Einwanderung haben auch die Erziehung unserer Kinder geprägt.“
„Ist doch gut so!“, meinte Nalan. „Wie oft hat man sie früher verwöhnt und verhätschelt, womit man ihnen keineswegs einen Gefallen tat. Heute erziehen wir sie zur Selbständigkeit.“
Onkel Selami gab Nalan Recht.
„Einschränkungen und Verbote allein genügen heute nicht mehr. Ein Kind gewöhnt sich an Selbständigkeit und an Verantwortung, ganz gleich ob Mädchen oder Junge. Ich habe volles Vertrauen in die neue Generation. So bescheiden unsere Mittel damals waren, sind wir doch einen Schritt weiter gekommen. Ihr habt gleich zwei Schritte geschafft. Eure Kinder werden vier, fünf Schritte machen, wer weiß. Wir hatten immer die Türkei im Kopf. Ihr hingegen seid auch in Deutschland heimisch geworden. Euren Kindern wird es gelingen, das Beste von beiden Seiten zusammenzubringen. Welch eine Chance! Es wäre eine Schande, sie nicht zu nutzen. Wer zwei Sprachen spricht, hat zwei Heimaten. Wenn ein Kind sich bei seinen Eltern geborgen fühlt, wenn es Liebe und Zuwendung erfährt, kann es sehr wohl zwei Heimaten verkraften. Es ist ein großer Gewinn, zwei Sprachen zu sprechen, in zwei Welten leben, doch hat das natürlich, wie alles, auch seinen Preis. Das ist nunmal so. Du kannst nicht schwimmen, ohne nass zu werden.“
„Aber beim Fußball sind alle für die Türkei“, sagte Hulusi.
„Na und? Wenn die Türkei gewinnt, freuen wir uns, wenn Deutschland gewinnt, nochmal!“
„Aber was, wenn die Türkei gegen Deutschland spielt?“ hakte ausgerechnet Tante Sevgi nach.
„Dann bist du, egal wer gewinnt, immer auf der Seite des Siegers“, versetzte Tante Ayşe. „Die Jugendlichen lernen die Sitten beider Länder. Wobei ja manches in der Türkei eine ganz andere Bedeutung hat als hier, zum Beispiel in Anwesenheit Älterer die Beine übereinander schlagen, das Rauchen oder der Handkuss. Es ist schon eine Leistung, sich in ein und derselben Situation jeweils anders zu verhalten!“
Da schaute Oktay mich an und lachte.
„In diesem Sommer forderten wir Canan auf, ihrer Oma die Hand zu küssen. Erst wunderte sie sich, tat aber dann wie geheissen. Ich zeigte auf meine Stirn, um sie daran zu erinnern, die Hand an ihre Stirn zu führen. Sie aber verstand mich falsch und küsste die Oma auf die Stirn. Wir bogen uns vor Lachen.“
„Was Canan noch alles zu lernen hat“, sagte ich. „Womöglich wird sie eines Tages sogar studieren. Wenn ich daran denke, dass Mädchen das früher nicht durften! Sie sollten an ihrer Aussteuer arbeiten und darauf warten, verheiratet zu werden. Heute sind die Mädchen oft die Besseren in der Schule.“
Die Tür ging auf und die Kinder kamen herein. Canan trug das Fotoalbum und zeigte Oktay darin das Bild eines jungen Mannes mit frech zur Seite gerückter Schildmütze.
„Papa, wer ist das?“
Oktay sagte: „Schau dich mal um. Wem sieht er ähnlich?“
Onkel Hüsnü lachte verschmitzt unter seinem Schnurbart. Canan zeigte auf ihn.
„Bravo, kluges Mädchen!“ Onkel Hüsnü kniff ihr in die Wange. „Wie hast du mich erkannt? Das Foto ist fast ein halbes Jahrhundert alt.“
Mit Nachdruck klackte er die Kugeln seiner Gebetskette aneinander.
„Das war die Zeit, als wir in unserem Dorf zum ersten Mal hörten, man könne sich für Arbeit in Deutschland melden. Aber es war nicht üblich, im Ausland zu arbeiten. Man ging höchstens nach Istanbul oder nach Ankara.“
„Wie viele Deutsche, Schweden, Iren und sogar Griechen sind in schlechten Zeiten nach Amerika ausgewandert“, sagte Oktay, „und merkwürdigerweise wenig Türken. Im Gegenteil: Aus Bulgarien, Makedonien oder dem Kaukasus kamen viele in die Türkei.“
„Für Deutschland aber waren wir Feuer und Flamme. Unsere alten Verbündeten! Es hieß, die Deutschen mögen die Türken. Für jedes andere Land wäre die Bereitschaft nicht so groß gewesen. Unser armer Rıza war fünf Jahre älter als ich. Er hatte sich als einer der ersten gemeldet. Ich nehme dich mit, bot er an. Ich war damals gerade vom Militärdienst ins Dorf zurückgekehrt. Unser Ackerland reichte nicht, um uns vier Brüder zu ernähren. Dennoch traute ich mich nicht. Er aber ging tatsächlich nach Deutschland. Bei seinem ersten Heimaturlaub brachte er einen Fotoapparat mit und fotografierte uns alle. So ist dieses Bild entstanden.“
„Siehst aus wie ein Herzensbrecher, Onkel!“, scherzte Özcan.
„Ha, auch so ein komisches Gerät hatte er damals dabei. Das legte er im Kaffeehaus auf den Tisch. Und wenn wir redeten, hielt er uns ein schwarzes Ding von der Größe eines Maiskolbens an den Mund. Zum Schluss ließ er das Gerät laufen. Und was hörten wir? Unsere eigenen Unterhaltungen! Nie zuvor hatten wir so gestaunt. Dieses Tonbandgerät hat mich beeindruckt. So bin ich Rıza nach Deutschland gefolgt.“
„Ein Tonband mit Folgen“, sagte ich.
„Nicht dass ich unbedingt so ein Gerät haben wollte – damals kostete das ein Vermögen. Ich hatte ein Kind, ein zweites war unterwegs. An sie dachte ich. Ich arbeite ein paar Jahre in diesem Wunderland, sagte ich mir, verdiene schönes Geld und kehre zurück. Nun sind wir immer noch da. Und Rıza ruht sogar jetzt hier. Es war eine Einbahnstraße. Zwei Tage und Nächte dauerte damals die Zugfahrt von Istanbul nach München. Unseren Proviant hatten wir dabei, wenn der Zug in Sofia und Belgrad anhielt, holten wir uns in Flaschen Wasser. Die Toiletten waren unbetretbar. Als wir in München ankamen, traute ich meinen Augen nicht. Nie zuvor hatte ich eine solche Stadt gesehen. Frag mich nicht, in wievielen Fabriken ich seitdem gearbeitet habe. Und wenn ich die ersten Jahre, das Alleinsein, die Wohnheime, den Konservenfraß, die uns fremden Sitten der Deutschen überstand, dann nur, weil ich fortwährend an die Zukunft meiner Kinder dachte. Nach vier Jahren, als ich es nicht mehr aushielt, holte ich Safiye und die Kleinen nach. Wir stiegen sozusagen vom Esel um in den Mercedes.“
'Nur war der Mercedes ein Ford," mischte sich Alpay ein. „Die Migration ist auch eine Geschichte von Verletzungen. Aber halten wir uns nicht mit dem Gewesenen auf. Groll und Hader verbrauchen viel Energie. Man muss sorgsam mit seinen Reserven umgehen.“
„Da hast du Recht!“, sagte Onkel Selami. „Der Motor von Menschen, die ihre Kraft aus Ärger und Hass beziehen, bleibt früh auf der Strecke. Nur Toleranz und Respekt können uns in die Zukunft führen. Das lehrt uns die Weisheit Anatoliens. Wie sagt Mevlana? Kommt, kommt, wer ihr auch sein mögt! Es ist keine Frage von richtig und falsch und schon gar nicht der Rechthaberei. Wir müssen die Augen öffnen für das Schöne. Aber auch unsere Geschichten erzählen, damit die kommenden Generationen diese gewaltige Völkerwanderung nicht vergessen. Du warst doch bestimmt auch in Istanbul bei der ärztlichen Untersuchung, Hüsnü?“
„Und ob! Sie haben mich inspiziert vom Scheitel bis zur Sohle. Gefunden haben sie nichts.“
Onkel Selami stellte die Mokkatasse auf den niedrigen Tisch.
„Wisst ihr, wie es mir ergangen ist? Die Idee mit Deutschland hatte mir der Sohn des Dorfvorstehers in den Kopf gesetzt. Ich ahnte ja nicht, was dieser Schlaufuchs im Schilde führte. Damals war ich ein kraftstrotzender Bursche und trat sogar bei Hochzeiten als Ringkämpfer auf. Der Sohn des Dorfvorstehers hingegen war spindeldürr, als hätte er die Schwindsucht.“
Onkel Selami schaute versonnen in die Runde. Er legt gerne dramaturgische Pausen ein, um die Spannung auf die Höhe zu treiben. „Bei der ärztlichen Kontrolle drückte man uns kleine Dosen in die Hand und schickte uns zur Urinabgabe. Mein Urin war einwandfrei, in seinem fanden sich erhöhte Zuckerwerte. Er musste bleiben. Es vergingen einige Jahre, bis sich herausstellte, dass ich Diabetes hatte. Da erst wurde mir klar: Der Schlaufuchs hatte heimlich die Urinproben vertauscht!“
„Geschieht ihm recht!“, empörte sich Nalans Mutter. „Es war dein kısmet.“
Die Kinder hörten gebannt zu, obwohl sie nicht alles verstanden. Aber schließlich schlief Canan mit ihrem Kopf auf meinen Knien ein. Onkel Hüsnü schaute sie liebevoll an.
„Ihnen zuliebe sind wir hierher gekommen. Wir haben nicht das Recht, uns andauernd zu beklagen und damit auch ihnen das Leben schwer zu machen. Was nützen ihnen unsere Vorbehalte gegen dieses Land? Wenn wir hier unglücklich sind, wie können unsere Kinder glücklich sein? Wenn wir uns zurückziehen, die Sprache nicht lernen, alles mit uns geschehen lassen, werden unsere Kinder scheitern. Und umgekehrt sind sie die ersten, die von einer positiven Lebenseinstellung ihrer Eltern profitieren. Dieses Haus ist unser Haus, dieser Garten unser Garten. Nur wenn wir unser Umfeld pflegen, gedeiht es. Dazu erzähle ich euch mal was. Früher gab es in unserem Dorf keine Schule. Jedes Jahr reichten wir in Ankara eine Petition ein und immer hieß es, im nächsten Jahr. So ging es lange, ohne dass irgendetwas geschah. Eines Tages versammelten wir uns im Dorfcafé und trafen eine Entscheidung. Einige schleppten Sand, einige Steine herbei, einer mauerte, kurz, mit gemeinsamen Kräften halfen wir uns selber. Die Schule war im Nu fertig. Und im selben Jahr noch schickte der Staat einen Lehrer.“
In diesem Moment ging mir ein Licht auf. Selbsthilfe! Unser Haus! Nur wenn wir es pflegen ...
„Du hast Recht, Onkel Hüsnü“, sagte ich.
Oktay erhob sich und nahm Canan auf den Arm. Auch die anderen standen auf. Es war schon fast Mitternacht geworden. Wir verabschiedeten uns von Tante Fatma und kehrten heim.
Unser Haus, unser Garten!
Am nächsten Tag kamen Peter und Ulla zum Kindergarten. Beim Kaffee erzählte Ulla von ihrem Sommerurlaub in Spanien. Auch ich erzählte von unserem Urlaub und zuletzt von dem Gespräch nach der Trauerfeier. Es tat uns offenbar gut, uns mit unserer Geschichte auseinanderzusetzen. Wir sollten öfter solche Gespräche führen, dachte ich, um aus unserer Vergangenheit Kraft für die Zukunft unserer Kinder zu schöpfen.
„Mir scheint, die Auswirkungen dieser Migration sind kaum zu überschätzen“, sagte ich zu Ulla. „Oft spricht man von der bitteren Heimat Deutschland, dabei haben die gemachten Erfahrungen auch ohne jeden Zweifel unseren Horizont erweitert, und das spürt man bis in die Türkei.“
„Ich denke, es ist gegenseitig“, meinte Ulla. „Auch ihr habt wie die Italiener, die Griechen oder die Spanier mit eurer Küche und eurer Kultur Deutschland verändert. Und das ist ein großer Gewinn für uns! Natürlich gibt es immer ein paar Ewiggestrige, die Angst haben, man wolle ihnen ihre Heimat klauen.“
„Wie kann man nur anderen die eigene Kultur als die einzig wahre aufzwingen wollen?“, sagte ich.
Da fiel mein Blick auf die schmuddeligen Tapeten ringsum.
„Mal was anderes, Ulla. Findest du nicht auch, dass diese Räume dringend einen neuen Anstrich brauchen?“
„Allerdings!“ sagte sie. „Aber was will man machen?“
„Sie streichen“, antwortete ich. „Es gibt hier mehr als vierzig Kinder. Wenn nur ein kleiner Teil der Eltern mit anpackt, schaffen wir es in zwei Tagen.“
Erst sah Ulla mich nur verblüfft an. Dann breitete sich ein Lächeln auf ihr Gesicht aus.
„Natürlich!“, rief sie. „Warum denn nicht!“
Schon am nächsten Tag maßen wir die Wände mit einem Zollstock aus und berechneten den Materialbedarf. Wir besuchten die Gruppen und sammelten Geld. Canan und Peter gefiel es sichtlich, ihre Mütter so aktiv und tatenfroh zu erleben.
Schließlich fuhr ein Elternpaar die Sachen einkaufen, mehrere Personen kochten, und in zwei Schichten von je fünf Leuten am Tag war die Arbeit an einem einzigen Wochenende getan. Der ganze Kindergarten erstrahlte in frischen Farben.
In einer anderen Gruppe gab es einen Vater, der mich nie gegrüßt, sondern stattdessen den Kopf zur anderen Seite gedreht hatte, wenn er mich sah. Am Montag begegneten wir uns an der Tür. „Guten Tag, Frau Özgür! Wie geht es Ihnen?“ sagte er zu meiner Überraschung.
Kurz darauf gab es abends eine Elternversammlung. Der Mann meldete sich zu Wort:
„Heute ist die Wahl des neuen Elternvertreters angesagt. Ich schlage Frau Özgür vor.“
Alle klopften zustimmend auf den Tisch.
„Was meinst du?“ fragte Monika. „Bist du bereit?“
Ich überlegte kurz, bevor ich antwortete: „Ja, falls Ulla bereit ist, die Aufgabe mit mir zu teilen.“
Ulla brauchte noch weniger Zeit, um sich zu entscheiden: „Okay“, sagte sie, „wir machen das – zusammen.“


Link der Seite http://www.ane.de/index.php?id=1854