Canan hat sich schon immer gerne mitgeteilt - brabbelnd, wenn sie gut gelaunt ist, bei schlechter Laune weinend. Besonders viel Spaß macht es ihr, wenn Oktay oder ich mitbrabbeln. Mit dem zehnten Monat fing sie an, Doppelsilben, wie "mamama", "dadada" auszuprobieren. Als sie zum ersten Mal "bababa" sagte, war Oktay selig. In der Zeit bemerkten wir auch, daß Canan uns immer besser verstand, und ihr Wortschatz wuchs um weitere schön klingende Wörter wie "atta" oder "hoppa". Sicherlich hat es ihr geholfen, daß ihre Großmutter, als sie bei uns war, wie mit einer Erwachsenen zu ihr sprach.
Was würde unser Kind uns fragen, wenn es sprechen könnte?
Manchmal ist es hilfreich, sich an die Stelle des Kindes zu versetzen, um zu verstehen, was es uns sagen möchte:
- Warum muß ich wie eine Mumie die ganze Zeit liegen, obwohl ich mich langweile?
- Weshalb nehmt ihr mich nicht auf den Arm und tragt mich ein wenig herum?
- Wieso muß ich, obwohl ich satt bin, den Brei aufessen?
- Wer ist denn diese alte Frau? Warum will sie mich unbedingt auf den Arm nehmen und küssen? Wie schrecklich!
Canan lernt sprechen, indem sie uns nachahmt. Ein Kind, das nicht gut hört, kann nicht sprechen lernen. Falls Ihr Kind nicht auf Ihre Stimme reagiert, sollten Sie außerhalb seines Blickfeldes mit einer Rassel oder durch Händeklatschen ein Geräusch erzeugen. Wenn das Kind sich nicht in die betreffende Richtung wendet, sollten Sie unbedingt mit Ihrem Kinderarzt darüber sprechen.
Als Canan zu brabbeln begann, redeten wir in Babysprache mit ihr, um sie zu ermutigen. Jedesmal, wenn sie einfache Wörter, von deren Klang angeregt, wiederholte, machten wir mit. Aber sobald sie etwas mehr zu verstehen begann, sprachen wir richtig mit ihr, damit sie nichts Falsches lernt. Wenn sie zum Beispiel "atta atta" sagte, antwortete ich: "Du willst nach draußen, Kleines? Komm, wir gehen spazieren", damit sie unbewußt das Richtige in sich aufnimmt. Wenn sie "bu! bu!" (su, d.h. Wasser) sagt, frage ich: "Möchtest du Wasser?" und gebe ihr welches. Wir Eltern sollten die Sprachversuche unseres Kindes unterstützen und es geduldig anhören. Aber ständig korrigiert zu werden, kann es entmutigen. Durch ausdauerndes †ben begreift das Kind, daß abstrakte Wörter und konkrete Gegenstände zusammengehören: Indem wir "Glas" sagen, das Glas in die Hand nehmen und es ihm zeigen, finden der Begriff und das Glas im Verstand des Kindes allmählich zueinander.
Die Großeltern haben es meist eilig, ihr Enkelkind sprechen zu hören. "Das Kind ist schon ein Jahr alt und sagt weder Oma noch Opa", beklagen sie sich. Jedes Kind hat einen eigenen Rhythmus. Manche fangen früh an und lernen später langsamer, manche beginnen spät, holen dann aber auf.
Mich selbst haben der Sinn und Klang von Wörtern, überhaupt Sprachen, immer interessiert. Obwohl bei uns zu Hause türkisch gesprochen wurde, lernte ich in der Schule schnell deutsch und spreche es heute einwandfrei. Oktay ist wie ich hier geboren und aufgewachsen, aber an seinem Akzent hört man sofort, daß er Ausländer ist. Sein Türkisch ist besser als meines. Er hat eine Vorliebe für türkische Sprachspiele, Rätsel und dergleichen. Jeden Abend löst er das Kreuzworträtsel der türkischen Zeitung. Wenn er es ganz geschafft hat, freut er sich fast so, als hätte er im Lotto gewonnen.
Eines sonntags saßen wir mit meinen Eltern bei Tee und Börek und berieten, ob wir mit Canan türkisch oder deutsch sprechen sollten.
"Sie muß beides lernen", meinte mein Vater. " Nicht umsonst sagt man: eine Sprache - ein Mensch, zwei Sprachen - zwei Menschen. Wenn ich es könnte, würde ich sogar die Sprache der Vögel lernen." Und er erzählte uns ein kurzes Märchen.
Der Talisman der Tiersprache
Osman, der Sohn einer armen Witwe, wollte die Tochter des Padischah heiraten. Der Padischah gab ihm vierzig Hasen mit markierten Ohren, damit er sie im Wald grasen lasse und nach vierzig Tagen wieder zurückbringe. Im Wald jedoch mußte Osman hilflos mit ansehen, wie die Hasen in alle Himmelsrichtungen davonliefen. Da erblickte er eine Schlange, die sich in einem dornigen Rosenbusch verfangen hatte. Je mehr das arme Tier sich zu befreien versuchte, desto mehr verletzte es sich. Osman zog sein Messer und befreite die Schlange. Diese aber war keine andere als Schahmeran, die Königin der Schlangen. Als sie von Osmans Sorgen hörte, holte sie einen Talisman unter ihrer Zunge hervor und reichte ihn Osman.
"Leg ihn unter deine Zunge, dann verstehen dich alle Tiere", sagte sie. Doch auch mit dem Talisman dauerte es eine Weile, bis Osman sich den Hasen verständlich machen konnte. Denn in der Hasensprache sind die Wörter anders belegt. Schließlich aber gelang es ihm. Wenn er einen Hasen mit markiertem Ohr sah, rief er: "Zucker!", und das Tier blieb sogleich stehen. Zucker bedeutete also in der Hasensprache "halt". Nachdem er seine 40 Hasen beisammen hatte, rief er "Salz!", und die Hasen hoppelten fröhlich los. Als die Tochter des Padischah Osman mit den 40 Hasen kommen sah, war sie voller Bewunderung für diesen jungen Mann, der sich sogar bei den Tieren Gehör verschaffte. Am gleichen Tag noch heirateten die beiden.
"Gutes Zureden hilft sogar bei Schlangen", sagte meine Mutter.
"Aber ein böses Wort richtet auch mehr Schaden an als ein böser Blick", meinte mein Vater. "Es genügt nicht, die Sprache gut zu beherrschen. Man muß seine Hand, seine Lenden und seine Zunge im Zaum halten." Er liebte solche Sprichworte.
Während wir uns so unterhielten, saß Canan auf dem Schoß meiner Mutter. "Gib sie doch auch mal ihrem Opa Naci", bat mein Vater und nahm sie zu sich. Kaum hatte er mit ihr zu scherzen begonnen, lachte meine Tochter auch schon laut. Als ich mit frisch gefüllten Teegläsern aus der Küche zurückkam, sah ich, daß mein Vater Canan etwas ins Ohr flüsterte. Offenbar hatten alle außer mir seine Worte verstanden, denn sie sahen mich lächelnd an. Was war los? Ich wandte mich an meine Mutter:
"Ana, Naci dede ne dedi Canan'a?" (Mutter, was hat Opa Naci zu Canan gesagt?) Meine Mutter lachte.
"Ach, nur daß sie ganz nach ihrer Mama schlägt, die auch immer guter Laune ist."
Ich verteilte den Tee. Als ich Oktay sein Glas reichte, sah ich, daß er, die Stirn in Falten gelegt, angestrengt nachdachte. Worüber wohl? Kurz darauf erhob er sich leise, holte Papier und einen Stift aus dem Schubfach und schrieb etwas auf. Und dann grinste er bis über beide Ohren. Nachdem meine Eltern gegangen waren, fragte ich ihn danach.
"Was hast du gesagt, als du vorhin mit den Gläsern in der Hand
hereinkamst?" fragte er zurück.
"Weiß ich nicht. Habe ich was Falsches gesagt?"
"Nein, im Gegenteil, etwas ganz Schönes: Ana, Naci dede ne dedi Canan'a?"
"Was soll daran schön sein?"
"Es ist wunderschön! Einfach großartig! Ein seltener Satz."
Aus Respekt rede ich meinen Vater sonst nicht mit seinem Namen an, und auch da hatte ich ihn nur aus Canans Sicht und spaßeshalber Naci dede genannt. Hatte Oktay daran Anstoß genommen?
"Nein, nein, gar nicht", erwiderte er. "Der Satz hat eine ganz andere Besonderheit. Du wirst nie darauf kommen."
Das ärgerte mich. "Was gibst du mir, wenn ich es doch schaffe?" fragte ich ihn.
"Hülya", sagte Oktay, "wenn du tatsächlich dahinterkommst, was es mit diesem Satz auf sich hat, dann - lade ich dich zum Essen ein."
"Versprochen?"
"Versprochen. Ich weiß von einem neuen Restaurant, das alle empfehlen. Da gehen wir hin, und an dem Abend könnte deine Mutter vielleicht bei Canan bleiben."
Wir waren seit langem nicht mehr zusammen essen gewesen. Die Mühe lohnte sich also. Ich war fest entschlossen, dieses Rätsel lösen, egal wie. Nur, was in aller Welt konnte denn so besonders sein an: Ana, Naci dede ne dedi Canan'a?
Kinderlieder
Den ganzen nächsten Tag über ging mir unentwegt diese Frage durch den Kopf. Canan spürte, daß ich geistesabwesend war und fing an zu nörgeln. Ich sang ihr Lieder vor, "Bak postacι geliyor", "Kurbaĝacιk" und "Küçük Ayşe", und prompt besserte sich ihre Laune. Bei "Arι vιz vιz" machte sie Geräusche, als würde sie mitsummen, was uns beide zum Lachen brachte. Vor Canans Geburt hatte ich kaum türkische Kinderlieder gekannt, aber dann brachte mir meine Mutter ein paar Kassetten aus der Türkei mit.
Nachdem Canan eingeschlafen war, schrieb ich den Satz auf ein Stück Papier: Ana, Naci dede ne dedi Canan'a? Wieder und wieder las ich ihn, ohne auch nur irgendetwas Besonderes daran zu finden. Abends fragte ich Oktay.
"Am Ende mache ich mir diese Mühe vielleicht umsonst. Willst du mir nicht einen Tip geben?"
"Gut", sagte er schließlich: "Laß die Satzzeichen weg."
Was sollte das nun wieder? Am nächsten Tag nahm ich von neuem das Papier zur Hand und schrieb den Satz ohne Komma und Punkt. Aber auch das brachte mich nicht weiter.
Ana Naci dede ne dedi Canana
Das Blatt starrte mich an. Dann kam Canan und sagte "atta, atta!" Ein Kind stellt einem das ganze Leben auf den Kopf. Früher hatte ich mir meine Hausarbeit so eingeteilt, wie es mir am besten paßte. Jetzt bestimmt Canan über meine Zeit. Am Anfang fiel mir das schwer, nach und nach aber gewöhnte ich mich daran. Ich koche und wasche ab, wenn sie schläft. Während sie spielt, bügele und putze ich und unterhalte mich dabei mit ihr.
"Möchte meine kleine Canan spazierengehen", fragte ich, zog sie an, nahm den Buggy, und wir verließen die Wohnung.
Auf der Straße rief sie "aba, aba!" und lief zum Spielplatz. "Aba" heißt abla. Damit meint Canan alle Kinder auf dem Spielplatz - ob Mädchen oder Jungen -, die gerne mit ihr spielen.
"Möchtest du mit den ablas spielen?" fragte ich sie, doch sie hatte keine Augen mehr für mich. Mit rudernden Armen lief sie in Richtung Spielplatz. In diesem Alter steht bei einem Kind ein Wort für einen ganzen Satz. Das Wort "aba" kann vieles bedeuten, etwa "Ich möchte mit den Kindern spielen!", "Wo sind die Kinder?" oder "Ich mag diese Kinder sehr!". Oder, wenn sie auf dem Spielplatz weinend zu mir kommt, kann das gleiche Wort auch bedeuten, "Die Kinder lassen mich nicht schaukeln!", "Die Kinder sind doof!".
Im Park beschimpfen sogar die kleinsten Kinder einander in den wüstesten Ausdrücken. Natürlich habe ich Angst, Canan würde solche Wörter von ihnen übernehmen. Das wird sie wohl auch, sie kann ja nicht zwischen gut und schlecht unterscheiden. War es bei uns anders? Sie einem Kind zu verbieten, ohne zu erklären, weshalb, kann dazu führen, daß sie für das Kind nur umso interessanter werden.
Sprechen lernt man nur durch Sprechen
Mitunter wird Canan wütend, wenn man sie falsch versteht. Es ist nun einmal unangenehm, sich nicht ausdrücken zu können. Oft versteht man sie aus dem Zusammenhang heraus. Ganz gleich, wo wir sind, immer erzähle ich ihr, was wir gerade tun, damit die Wörter sich allmählich in ihrem Ohr und ihrem Gedächtnis einprägen. "Schau, ich ziehe dir die Schuhe an, wir gehen in den Park", oder "Ich schäle Zwiebeln, heute abend gibt es was Schönes". So, in einfachen Sätzen unterhalte ich mich mit ihr und zeige ihr dabei die Zwiebeln und das Messer. Beim Anblick des Messers sagt sie "Mama, aua!", und ich antworte: "Ja, einmal habe ich mir mit dem Messer in den Finger geschnitten, und das hat ganz doll wehgetan."
Sprechen zu lernen erfordert viel Zeit und †bung. Von wem soll das Kind es lernen, wenn nicht von seinen Eltern? Wer sich nicht gut ausdrücken kann, wird im Leben kaum vorankommen. Die Grundsteine für diese Fähigkeit werden im Kindesalter gelegt.
Es macht mich glücklich, wenn Canan etwas nachspricht, ganz gleich, wie es sich anhört. Während sie spielt, redet sie vor sich hin und kommentiert, was sie gerade tut.
Nachdem wir vom Park nach Hause zurückgekehrt waren, fühlte ich mich zu müde, um noch weiter mit Canan zu spielen. "Du kannst heute abend mit Papa spielen", sagte ich. Da dachte sie, ihr Vater käme und lief zur Tür. "Später, heute abend", versuchte ich zu erklären, aber sie verstand es nicht. Bis mir einfiel, was der Kinderarzt dazu gesagt hatte: In diesem Alter hat ein Kind noch keinen Zeitbegriff. Den Sinn von Wörtern wie später, früher, morgen, am Abend lernt es erst ab zwei oder drei Jahren.
Eine Person - eine Sprache
Oktay kam spät nach Hause, er mußte †berstunden machen. Canan schlief schon. Wir aßen leise in der Küche.
"Und? Hast du es?" fragte er dabei. Ich schüttelte den Kopf.
"Ich gebe dir noch einen Tip", sagte er. "Laß die Lücken außer acht."
"Du verwirrst mich nur noch mehr", erwiderte ich ungehalten. Am nächsten Tag ließ ich die Lücken weg und hatte nun folgendes vor mir:
AnaNacidedenedediCanana
Immer wieder betrachtete ich diesen Satz, während ich nachmittags im Park auf einer Bank saß und Canan beim Spielen zusah. Wenn die deutschen Kinder deutsch mit ihr sprechen, findet Canan nichts dabei. Spätestens bis sie zur Schule kommt, muß sie die deutsche Sprache gelernt haben. Oktay und ich haben immer wieder über diese Frage der Sprachen nachgedacht. Im Familienberatungszentrum riet man uns, wir sollten nicht beide Sprachen gleichzeitig gebrauchen, sondern lieber einer von uns nur Deutsch und einer nur Türkisch - nach dem Prinzip: eine Person - eine Sprache. Besonders bei gemischten Ehen sei das empfehlenswert. Die Zweisprachigkeit hat viele Vorteile. Wenn das Kind mit zwei Sprachen und zwei Kulturen aufwächst, mit beidem gleichermaßen vertraut ist, in beiden Sprachen Freunde hat, ohne dabei die Verbindung zur alten Generation zu verlieren, ist das gut für sein Selbstvertrauen. Es ge-winnt einen weiten Horizont und lernt auch andere Sprachen leichter. In unserem Fall hätte ich, weil mein Deutsch besser als Oktays ist, mit Canan nur deutsch sprechen müssen. Das fiel mir schwer, und schließlich ließen wir es. Canan soll erst die Muttersprache gut lernen, deutsch kann sie später im Kindergarten nachholen, denken wir. Die Beraterin befürwortet das. Sie empfiehlt uns, Canan wenn möglich in einen zweisprachigen Kindergarten zu geben. Dort werden die Kinder von türkisch- und deutschsprachigen Erzieherinnen betreut und in beiden Sprachen gefördert. Manche Eltern möchten um jeden Preis, daß ihr Kind von Anfang an Deutsch lernt und sprechen in einem schlechten Deutsch mit ihm. Manche benutzen sogar eine Mischsprache, sagen Dinge wie: "Haydi, Jacke'ni giy de Spielplatz'a gidelim." Wie kann so etwas gut sein? Das Kind muß beide Sprachen klar voneinander unterscheiden können und eine davon richtig beherrschen. Die andere wird es dann später leichter lernen.
Oktay kam gut gelaunt nach Hause, er hatte früh Feierabend machen können. Natürlich sprachen wir wieder von dem Rätsel.
"Aller guten Dinge sind drei. Ich gebe dir noch einen Tip", sagte er. "Schreibe den Satz groß."
ANANAC·DEDENEDED·CANANA schrieb ich am nächsten Morgen.
Und? Nichts. Liebe Güte, wie sollte ich das bloß lösen? Da klingelte das Telefon: Nalan.
"Ufff", stöhnte sie. "Ich muß mir mal Luft machen".
Wohin geht die Sonne am Abend?
Nalans älterer Sohn ist vier Jahre alt. Er spricht ununterbrochen, unermüdlich stellt er Fragen. Ich tue alles, damit Canan spricht, und Nalan wünscht sich nichts sehnlicher, als daß Hakan einmal Ruhe gibt.
"Von früh bis spät fragt er unsinnige Dinge", klagte Nalan. "Woher kommen die Wolken? Warum sind die Autos so schnell? Warum nennt man den Kühlschrank Kühlschrank?"
"Du hast einen klugen Sohn", sagte ich. "Er will alles lernen."
"Aber woher soll ich denn all das wissen? Seine Fragerei macht uns verrückt. …zcan hat sogar extra ein Lexikon gekauft, damit wir ihm vernünftige Antworten geben können."
Sicher wird auch Canan eines Tages alles lernen wollen und uns mit Fragen löchern. Das ist ganz natürlich. Dann dürfen wir sie auf keinen Fall abweisen. Wir müssen versuchen, gute Antworten auf ihre Fragen zu geben. Das Kind wartet mit seinen Fragen nicht, bis wir endlich mal Zeit haben. Womöglich mitten in einer angeregten Unterhaltung unter Erwachsenen möchte es auf einmal wissen, warum Eichhörnchen lange Schwänze haben. Auch dann sollte man es nicht abweisen. Man kann dem Kind sagen, es möge ein wenig warten, und sollte dann sobald wie möglich auf seine Frage eingehen. Früher galt es als schlecht erzogen, wenn sich ein Kind in das Gespräch der Erwachsenen einmischte. Von kleinen Kindern kann man nicht verlangen, daß sie bei einem stundenlangen Familienbesuch die ganze Zeit über geduldig und diszipliniert warten.
"Dieses Kind findet nie ein Ende mit seinen Fragen", seufzte Nalan. Das hoffe ich sehr. Nicht umsonst heißt es, die Wißbegierde des Menschen reiche von der Wiege bis zur Bahre. Indem es fragt, lernt und entwickelt ein Kind sich seelisch und geistig. Während ich noch so mit Nalan sprach, kritzelte ich aus Gewohnheit ihren Namen auf das Blatt vor mir. Erst klein, dann in geschwungener Schrift und schließlich in Großbuchstaben. NALAN. Und was sah ich?
"Nalan!" rief ich aufgeregt. "Wenn man deinen Namen rückwärts liest, heißt es auch Nalan!"
"Stimmt", sagte Nalan nach kurzem Nachdenken. "Das ist mir nie aufgefallen. Sowas! Wie hast du das bemerkt?"
In diesem Augenblick ging mir ein Licht auf. Nachdem ich aufgelegt hatte, begann ich, den Satz Buchstabe für Buchstabe von hinten nach vorne aufzuschreiben. Die Lücken und Satzzeichen setzte ich an den dafür passenden Stellen. Und was kam dabei heraus?
ANA, NACİ DEDE NE DEDİ CANAN'A?
Ja, das war des Rätsels Lösung. Vor Freude machte ich einen Luftsprung, worauf Canan mich verwundert ansah.
Auf dem Spielplatz, wo wir danach wieder hingingen, war diesmal auch Sinan. Der arme Junge läßt sich selten blicken und spielt nicht so oft mit den anderen Kindern, wohl weil er stottert. Einmal hatte ich unseren Kinderarzt danach gefragt.
Warum stottert ein Kind?
Beim Sprechnlernen kann jedes Kind vorübergehend stottern. Es ist nicht einfach, die mehr als hundert am Sprechen beteiligten Zungen- und Kiefernmuskeln aufeinander abzustimmen. Außerdem ist der Gedanke oft schneller als die Zunge. Das Kind versucht, genauso schnell zu sprechen wie es denkt, und gerät vor Aufregung ins Stottern. Wenn Sie es deswegen nicht tadeln und sein Selbstbewußtsein nicht verletzen, sondern geduldig zuhören, legt sich dieses entwicklungsbedingte Stottern nach einiger Zeit wieder. Wenn Sie das Kind zurechtweisen, wächst seine Aufgeregtheit, es schämt sich und zieht sich in sich selbst zurück, sodaß aus dem vorübergehenden Stottern ein dauerhaftes werden kann. Daneben gibt es aber auch noch ein Stottern, dem eine wirkliche Sprachstörung zugrunde liegt. Typische Merkmale dafür sind: Das Kind wiederholt bestimmte Silben angestrengt; seine Lippen und sein Kinn zittern; es zieht die Anfangssilben eines Wortes in die Länge; es meidet Unterhaltungen; beim Sprechen hat es Atemschwierigkeiten. Auch in diesem Fall sollte man liebevoll auf das Kind eingehen, es nicht unter Druck setzen, dafür sorgen, daß seine Freunde es nicht wegen seines Stotterns verspotten, und es in fachärztliche Behandlung geben. Eine frühe Diagnose erleichtert die Behandlung.
Am Abend empfing ich Oktay schon im Treppenhaus.
"Wann gehen wir in das neue Restaurant?" Verdutzt blieb er stehen. "Man kann den Satz auch rückwärts lesen, und er bedeutet das gleiche."
Oktay schaute mich an - und strahlte.
"Wunderbar!" rief er. "So komme ich auch mal dazu, in einem schönen Restaurant zu essen. Ruf deine Mutter an und frage sie, ob sie am Wochenende mal bei uns babysitten kann."
Das tat meine Mutter gerne. Am Samstagabend kam sie sehr zeitig, und zum ersten Mal seit der Abreise meiner Schwiegermutter waren Oktay und ich gemeinsam aus. Wir genossen den Abend sehr.
Das Essen schmeckte vorzüglich.