Titel: Festrede von Senator Böger
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Festrede von Senator Böger

Senator Böger

Senator Böger

 „60 Jahre Arbeitskreis Neue Erziehung“

am 25. Juni 2006 im Arbeitskreis Neue Erziehung

Sehr geehrte Damen und Herren,

in Ihrer Einladung zum 60. springt das Kind aus dem ANE-Signet fröhlich herum und sprengt die Grenzen des behütenden Daches.
ANE – aus dem Häuschen, schreiben Sie dazu!

Nun gut zum 60. - da kann ich gerade noch mitreden - liegen die guten Jahre hinter einem, also die besten noch vor einem. Da darf man auch einmal ausgelassen sein. Und bei einem Arbeitskreis, der wie Sie um demokratische Regeln und Freiheiten zum Wohle unserer Kinder ringt, erst recht.

Die Atmosphäre bei dieser Geburtstagsfeier ist schon Beweis ihres Erfolgs, ihrer Lebendigkeit und ihrer Energie.

Dennoch möchte ich ihnen widersprechen. Denn ANE ist nie im eigentlichen Sinne „aus dem Haus“ gewesen. ANE ist immer Teil des Hauses, möge nun Familie oder Schule am Türschild stehen.
• Ein Ratgeber, den man wie im Fall der Elternbriefe gerne ins Haus lässt.
• Ein Begleiter bei der Erziehung von Kindern, der Eltern Ängste nimmt, Türen aufstößt und Mut macht.
• Ein Mittler und Berater zwischen dem großen Haus Schule und den Eltern und ihren Kindern, die sich so besser verstanden fühlen und besser mitreden können.

Denn unsere Berliner Schule ist angewiesen - wie vielleicht selten zuvor - auf das Mit-Tun von engagierten Eltern. Mit unseren Reformen haben wir die Rechte der Eltern gestärkt.

In einem demokratischen Staat braucht es Engagement und Geist der Bürger. Schule mit seinen heute grunddemokratischen Spielregeln und der offenen Einladung zur Partizipation ist so inzwischen wirklich die Schule der Nation.

Das war entschieden anders, als der Arbeitskreis Neue Erziehung vor sechzig Jahren gegründet wurde. Gründungsmütter und -väter hatten die NS-Diktatur nicht nur vor Augen. Sie hatten sie am eigenen Leibe spüren und ertragen müssen.

Aus dem „Nie wieder“ wurde ein Aufbruch mit Ausrufezeichen, dessen Erfolg bis heute beeindruckend ist.
Ihr Ehrenvorsitzender Prof. Dr. Tobias Rülcker, den wir vor anderthalb Jahren mit dem Bundesverdienstkreuz ehrten, hat die Motivlage damals sehr eindrucksvoll und sehr persönlich geschildert.

Sie, Herr Rückler, der Sie bei Kriegsende 14 Jahre alt waren, haben ihr Engagement im ANE später so begründet. Ich zitiere, weil es stellvertretend für die Gründer des ANE in der Nachkriegszeit steht.

„Also muss man für die Demokratie eintreten, so lange das ohne Gefahr für Leib und Leben möglich ist.

Dieser Gedanke, eine demokratische Gesellschaft aufzubauen, zu bewahren, zu erweitern hat für mein persönliches, mein berufliches, mein publizistisches und mein ehrenamtliches Leben eine große Rolle gespielt.

Ein Verband, der von politisch wachen Menschen im Jahre 1946 gegründet wurde, um demokratische Erziehung in Familie und Schule zu fördern, entspricht also recht genau meinen Vorstellungen davon, womit sich Bürger und Bürgerinnen in ihrer Freizeit beschäftigen sollten.“

1945/46 kamen Gründungsmitglieder zusammen, die sich aus der unmittelbaren Erfahrung einer Diktatur heraus vehement gegen alle Formen autoritärer Erziehung wandten.

Sie verstanden ihre Arbeit als Teil eines notwendigen Demokratisierungsprozesses der deutschen Gesellschaft.

Kernidee: Ohne eine Erziehung zu demokratischem Verhalten hat die Demokratie in Deutschland keine Chance.

Die Grundsätze waren übrigens keine Neuerfindung, sondern hatten ihre Wurzeln in der internationalen Reformpädagogik. Gleichwohl waren sie radikales Programm und, wie wir wissen, ein unendlich notwendiges Programm.

Das erste Leitbild und Konzept einer neuen Erziehung war den Werten der Menschenrechte verpflichtet, der Toleranz und der Solidarität, um zur Entstehung und Stabilisierung demokratischer Verhältnisse in Deutschland beizutragen. Auf diesem Grundstein baut ANE bis heute ein Haus für Kinder und ihre Eltern. Auch wenn sich die Themen verändert haben und weiter verändern werden.

Rückblickend erscheinen die Schwerpunkte, Arbeitsbereiche und Themen der vergangenen Jahrzehnte nicht nur wie ein Kaleidoskop von Zeitkoloriten. Wenn Sie genau hinhören werden sie in der Zeitleiste auch Entwicklungsstufen entdecken.

50iger Jahre
• Fragen der Schulreform im Mittelpunkt
• Eltern und Lehrer sollen zusammenarbeiten
• Humane Erziehungsprinzipien müssen von allen Eltern anerkannt und angewendet werden

60iger Jahre
• Übernahme der Idee der Peter-Pelikan-Briefe für Eltern und erster Versand
• Zu den Schulthemen kommen verstärkt Erziehungsthemen für junge Eltern

70iger Jahre
• Diskussion um Schulverfassung und Rechte von Elternvertretungen in Kitas und Schulen
• Zunahme des Elternbriefversandes

80iger Jahre
• Integration als generelles Thema
1. behinderter Kinder in die Arbeit des ANE und als
2. Integration von Eltern nicht deutscher Herkunft
• Entwicklung der Schulbriefe für Eltern von Grundschulkindern

90iger Jahre
• Vereintes Deutschland und vereintes Europa
• Wie kann friedliches Zusammenleben gelernt werden, Konfliktlösung und Streitschlichtung
• Interkulturelle Erziehung
• Nutzung neuer Medien für die Teilhabe von Eltern an Information und Austausch

Auch wenn wir in der Bildungspolitik – etwa bei der Integration von Migranten – nicht immer gradlinig Erfolge vorweisen können, sondern an manchen Stellen immer wieder von neuem beginnen müssen:
Die Entwicklung ihrer Themenschwerpunkte zeigt, dass unser, Ihr Haus inzwischen auf festem Fundament steht. Wenn Demokratie in einer Zivilgesellschaft so gelebt wird wie sie als ANE es vorleben, muss uns um die Verankerung des Hauses nicht bange sein. Sie sind ein Anker unser Demokratie, liebe Freundinnen und Freunde vom ANE!

Die Senatsverwaltung unterstützt ANE von Anfang an. Und ganz besonders im Hinblick auf die Elternbriefe. Die Elternbriefe begleiten Eltern als freundliche, kompetente und humorvolle Ratgeber über mehrere Jahre.
Bildungspolitisch befinden wir uns – endlich! – in Zeiten
• des Messens,
• der Qualitätssicherung
• und des Evaluierens.

Vielleicht finden wir eines Tages auch ein Instrument, das uns sagt, wie viele erfolgreiche Eltern ANE auf den Weg gebracht hat. Vielleicht ja auch mehr als einmal. Denn eines wusste ANE, bevor Medien dieses Thema wieder neu entdeckten: Kinder sind eine Bereicherung, sie sind unsere Zukunft.

Übrigens steckt in diesen Wahrheiten auch die simple Erkenntnis, dass wir selbst einmal Kinder waren!

Schulbriefe und Elternbriefe atmen
• den Geist der Kinder-Perspektive,
• des Respekts vor Menschen, die dem Tun der Erwachsenen ausgeliefert sind –
• und deren Neugierde und Tatendrang so viele gute Chancen früher Bildung möglich und nötig machen.

Berlin finanziert deshalb jährlich 360.000 Elternbriefe an Eltern mit Kindern bis acht Jahre.
Berlin finanziert jährlich 475.000 Schulbriefe für Eltern von Grundschulkindern.
Aus unzähligen Gesprächen von Marzahn bis Zehlendorf wissen wir, dass diese Briefe gelesen werden. Sie werden gelesen, sie werden geliebt, sie gehören – um im Bild des Beginns zu bleiben – ins Haus, ins Elternhaus. Übrigens unabhängig davon, ob diese Eltern nun alleinerziehend sind, oder nicht.

Unsere Unterstützung beschränkt sich nicht auf Elternbriefe, sie umfasst
• auch die Interkulturelle Familienberatungsstelle,
• Veranstaltungen zur Elternbildung,
• BEN (BundesweitesElternNetz, Datenbank mit Informationen für Eltern in verschiedenen Sprachen).

Wir haben etliche Beispiele für weitere gelungene Kooperationen wie z.B.
- die Elternschultütenaktion für alle Eltern von Schulanfängern 2001 im Rahmen der Kampagne zur gewaltfreien Erziehung
- die Interkulturelle Informationskampagne für Migranteneltern 2006, um die Bedeutung der Kita als Bildungseinrichtung zu vermitteln
- oder aktuell die Elternpartizipation und die Zusammenarbeit mit Schulen zur Einführung des neuen Schulfachs Ethik.

Wir könnten uns einen besseren Partner kaum vorstellen. Denn ANE verfügt nicht nur über das wichtige „Know how“. In seiner besonderen Tradition verfügt ANE über eine tiefe Motivation für sein Tun. Sie sind im besten Sinne Überzeugungstäter und nicht Reiter auf einer Modewelle. Sie sind glaubwürdig und authentisch. Stellvertretend für die vielen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, Helfer und Förderer des Arbeitskreises möchte ich an dieser Stelle für ihre Arbeit danken

Frau (Heidemarie) Arnhold, Vorstandsvorsitzende
Frau (Gundel) Hessemer, Geschäftsführerin
Frau Eren Ünsal, Stellvertretende Vorsitzende
Frau Brigitte Winkler, Beisitzerin

Lassen Sie mich an dieser Stelle auch noch einmal meinen hohen Respekt vor dem langjährigen und intensiven Wirken ihres Ehrenvorsitzenden Prof. (Tobias) Rülcker wiederholen.

Jetzt habe ich in meinem mir anfangs vorgenommenen Glückwunschprogramm die vergangenen Jahrzehnte gestreift und an gemeinsame Unternehmungen erinnert. Es ist Ihnen sicher nicht entgangen, dass die Themen vertraut und bekannt klangen. Doch Geschichte wiederholt sich nicht. Wie sich auch der ANE nicht wiederholt. Einige Themen sind gesichert, auch wenn wir immer wieder neu und täglich um unsere demokratische Kultur ringen müssen. Für jede nachwachsende Generation.

Für das ganze Jubiläumsjahr hat sich der ANE eine breit angelegte Debatte über „Demokratische Erziehung – gestern, heute, übermorgen“ vorgenommen. Sie richten dabei auch den Blick über Deutschland hinaus. Auf die Erkenntnisse aus diesem „Aktivierenden Dialog“, wie ANE es nennt, bin ich gespannt. Dass beim ANE Wandel Methode hat und haben wird, ist aus ihrer Zukunftsagenda ablesbar. Mit Interesse haben ich gelesen, dass Sie nicht nur Sprachrohr und Forum für Eltern bleiben wollen. Sie wollen Dienstleister sein und haben sich die Auseinandersetzung mit den neuen Medien als Schwerpunkt gesetzt.

Ihr Gütesiegel ist Programm „Mit Eltern – für Eltern“.
Sie haben Generationen von Berliner Eltern geprägt. Die heutige Mischung zeigt, dass aus diesen Eltern schon längst Groß- und Urgroßeltern geworden sind. Lassen Sie noch viele Generationen an ihrem Tun teilhaben! 

 


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