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Festrede von Sigrid Klebba, Jugendstadträtin im Bezirk Friedrichshain-Kreuzberg
Arbeitskreis Neue Erziehung- 60jähriges Jubiläum Ein Arbeitskreis wird 60! Das klingt erst einmal ungewöhnlich, werden doch Arbeitsgruppen in der Regel vorübergehend und zur Bearbeitung bestimmter Sachfragen gebildet. Aber es ist ja nicht irgendein Arbeitskreis- sondern der Arbeitskreis Neue Erziehung. Und wie der Name schon sagt, es geht um Erziehung- und dies ist ein Thema, welches immer aktuell ist. Der Arbeitskreis gründete sich in einer Zeit, in der nach der Katastrophe der Nazidiktatur für alle fortschrittlichen Kräfte klar war: „Nie wieder darf so etwas geschehen!“. Es bedarf einer starken, von Menschen getragenen Demokratie, um Freiheit und Gerechtigkeit als Grundlage des gesellschaftlichen Zusammenlebens zu machen. Schulreformer, Pädagogen und Eltern stellten die Fragen nach der Verantwortung des Erziehungssystems, aber vor allem die Frage, was und wie müssen wir etwas tun, um freiheitliche und selbstbewusste Persönlichkeiten aus unseren Bildungsinstitutionen hervorzubringen. Einstein sagte einmal, in den Nachkriegsjahren: Inzwischen gibt es zahlreiche Träger der Familienbildung, -förderung und – beratung. Was ist nun das Besondere, das diesen Arbeitskreis von anderen Projekten und Einrichtungen unterscheidet? Aus meiner Sicht sind dies vor allem folgende Schwerpunkte: Die Arbeit des ANE ist seit der Geburtsstunde geprägt durch die aktive Mitarbeit der Eltern. Von Anfang an hatte bei ANE, neben aller Entwicklung und Weiterqualifizierung von Fachleuten, die Sicht der Eltern einen besonderen Stellenwert. Die Fähigkeit sich in das Gefühls- und Empfindungsleben der Elternrolle hineinzuversetzen ist dem Arbeitskreis bis heute hervorragend gelungen. Das ist auch das Geheimnis der Elternbriefe. Diese Mitteilungen von Peter Pelikan treffen in der Art des Ausdrucks, den Kern dessen, was Eltern bewegt. Oft plagen Eltern Zweifel z.B. über das richtige Maß zwischen dem Aufzeigen von Grenzen und dem Gewähren lassen, dem Gefühl einer möglichen Überforderung, vor allem in der Klein-Kind-Phase oder dem richtigen Umgang mit Geschwisterrivalitäten. Fragen, welche Eltern im alltäglichen Umgang mit ihren Kindern immer wieder begegnen und wo es darum geht, in der jeweiligen Situation angemessen zu reagieren. Zum anderen sind die Anfangsjahre der ANE- Arbeit geprägt von der Auseinandersetzung über notwendige Schulreformen. Dabei ging es vor allem um die Durchlässigkeit des Schulsystems und die hohe Abhängigkeit der Schulabschlüsse von der sozialen Herkunft. Ein Thema, das auch heute sehr aktuell ist! Schon damals war die Stärke der Klassenfrequenz ein beherrschendes Thema, wenn auch auf einem anderen Niveau. Auch die Auseinandersetzung um die Einheitsschule (heute als Gemeinschaftsschule bezeichnet) begleitete ANE seit seiner Gründung vor 60 Jahren. Die 8jährige Grundschule war zur damaligen Zeit eine Forderung des Arbeitskreises. Berlin ist das einzige Bundesland mit einer 6jährigen Grundschulzeit. Die Zusammenarbeit von Schule und Jugendhilfe war für ANE immer untrennbar miteinander verbunden. Spätestens seit den 70er Jahren gewinnt der Aspekt der Familienberatung an Bedeutung- wenn gleich es in dieser Zeit vor allem um den emanzipatorischen Aspekt, der Befreiung vom Zwang in der Erziehung, ging. Begleitet wurde dieser Prozess mit heftigen Forderungen nach Demokratisierung und Mitbestimmungsrechten in Schulen und Kitas. Auch auf diesem Gebiet hat sich u. a. durch den engagierten Einsatz von ANE einiges verändert. Für den Bezirk gewann ANE vor allem mit dem Vorhaben die Erziehungs- und Familienberatung in die Verantwortung der Freien Träger der Jugendhilfe zu geben an Bedeutung. Auch in diesem Prozess geht ANE neue zeitgemäße Wege, so nahm keine Erziehungs- und Familienberatung (EFB) ihre Arbeit in Friedrichshain- Kreuzberg auf- sondern eine Interkulturelle Familienberatung (IFB). Die Möglichkeit türkische und arabische Fachkräfte einsetzen zu können, ist ein besonderer Gewinn für die Erziehungs- und Familienarbeit, u. a. in Hinblick auf die zahlreichen Flüchtlingsfamilien im Bezirk. Besonderes Engagement entwickelte ANE in der Düttmannsiedlung und am Mariannenplatz im Rahmen des Projektes „Soziale Stadt“ und leistet damit einen wichtigen Beitrag bei der sozialräumlichen Vernetzung. Unzählige Veranstaltungen in Schulen und Kindertagesstätten zu verschiedensten Erziehungsthemen verdeutlichen dies. Gemeinsamen Anstrengungen gegen die sich ausbreitende Gewalt sind z.B. Projekte wie der Einsatz von Streitschlichtern an der Lemgo-GS und der Zille-GS oder „Der Familienrat tagt“. Für den Bezirk ist diese Möglichkeit mit Migrantenfamilien zu arbeiten und somit präventiv zu wirken von großer Bedeutung. Familien finden bei ANE einen Ort, wo sie verstanden werden und Hilfe erfahren. Zusammenfassend bedeuten all diese Aktivitäten des ANE, dass die Arbeit dieses Trägers in unserem Bezirk unersetzlich ist. Das Bezirksamt Friedrichshain-Kreuzberg von Berlin gratuliert dem Träger Arbeitskreis Neue Erziehung sehr herzlich zum 60jährigen Jubiläum, verbunden mit dem Wunsch auf eine weitere intensive Zusammenarbeit. Der Dank gilt allen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern, die sich beharrlich um die Stärkung all jener Familien kümmern, die auf diese Hilfe angewiesen sind. Gemeinsam eint uns der Wille, geduldig und ausdauernd daran zu arbeiten, dass immer weniger die soziale Herkunft für den Bildungs- und Berufserfolg von Kindern und Jugendlichen bestimmend ist.
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