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ElternbriefleserInnen im Dialog mit dem Arbeitskreis Neue Erziehung „Worum ging es den Gründern des ANE, welche Werte wollten sie vermitteln? Können wir heute daran anknüpfen? Was ist Eltern in der Erziehung heute wichtig?“ Über diese Fragen wollten wir mit Leserinnen und Lesern unserer Elternbriefe ins Gespräch kommen. Lag es am Fußballfieber, dass ausschließlich Mütter der Einladung folgten? Ansonsten war die Gruppe bunt gemischt – Mütter mit Kindern zwischen 9 Monaten bis 8 Jahren in unterschiedlichen Familienkonstellationen, zwei mit Migrationshintergrund. Selbst ein Weg vom Stadtrand war nicht zu weit, in den ANE nach Kreuzberg zu kommen. Nicht nur dass „der ANE schon so alt – und dabei gar nicht verstaubt ist“ , erstaunte die Gäste. Besonders beeindruckt waren sie von den politischen Motiven der Gründungsmitglieder - durch eine neue Erziehung an einer neuen, demokratischen Gesellschaft mitzuwirken. „Demokratie ist heute für uns eine Selbstverständlichkeit und gar nichts Besonderes mehr. Da ist es gut, manchmal daran erinnert zu werden, dass einmal Menschen dafür gekämpft haben.“ Auch dass es die Elternbriefe schon so lange gibt, war für viele neu. „Dann haben ja vielleicht schon meine Eltern die Elternbriefe bekommen!“ Es gab viel Lob für die Briefe, sie wurden als aktuell und hilfreich für den Erziehungsalltag eingeschätzt. Zustimmung fanden auch die vermittelten Werte: Kinder als gleichwertige Partner zu behandeln, ihnen Achtung und Respekt entgegenzubringen, sie zu selbständigem Denken und Handeln zu erziehen, Konflikte friedlich zu lösen und Regeln gemeinsam auszuhandeln. Dass es sich dabei um Prinzipien einer demokratischen Erziehung handelt, hatten sich die Anwesenden jedoch so noch nicht bewusst gemacht. Auch wenn es nicht immer formuliert wurde: Die Frage, was Erziehung in und für die Demokratie heutige Eltern bedeutet, zog sich wie ein roter Faden durch die Diskussion. Als ein Problem unserer Zeit wurde von einigen Müttern die Vereinzelung gesehen, das Fehlen von Sicherheit und Orientierung durch eine Gruppe. „Als mein Kind geboren wurde, hatte niemand aus meinem Freundeskreis ein Kind.“ Da sei die Verunsicherung groß, zumal es durch immer größere Freiräume auch immer mehr Entscheidungsbedarf gäbe. „Statt Mangel wie zu Zeiten der Gründung des ANE gibt es heute eher Überfluss.“ Die Folge sei oft, dass man als Mutter pausenlos ein schlechtes Gewissen habe: „Habe ich meinem Kind auch das richtige Spielzeug gekauft, habe ich ihm nicht zu viel Süßigkeiten gegeben, hat es heute zu viel ferngesehen....?“ Die Ausweitung der Medien stelle Eltern heute vor neue Probleme: „Früher gab es einen Fernseher für die ganze Familie, man musste sich einigen, wer was gucken konnte: Heute hat jedes Familienmitglied seinen Fernseher, da ist es viel schwerer, zu kontrollieren, was und wie viel die Kinder sehen.“ Auch wenn die vielen Wahlmöglichkeiten manchmal eher als eine Last empfunden werden - ein Zurück in die Zeiten des Mangels und der Bevormundung wünschte sich niemand! Eine Mutter mit ägyptischem Ehemann brachte es auf den Punkt: „Wenn ich bei der meiner Familie in Ägypten bin, empfinde ich es erst mal als angenehm, dass alles klar geregelt ist. Jeder weiß, was er zu tun hat und wo sein Platz ist. Wenn ich aber genau hinsehe, sehe ich auch, wie begrenzt die Wahlmöglichkeiten für die persönliche Entwicklung sind. Viele Menschen haben keinerlei Chancen. Sie können nichts verändern, die soziale Kontrolle ist groß. Dann empfinde ich es als ein Privileg, frei entscheiden zu können.“ Ihren eigenen, persönlichen Weg zu finden, ohne durch andere verunsichert zu werden, das wünschten sich die meisten. „Mehr Natürlichkeit, mehr Authentizität, mehr den eigenen Gefühlen vertrauen“ – dazu sollten auch die Elternbriefe noch stärker ermutigen. „Was ist Ihnen in der Erziehung wichtig? Welche Werte wollen Sie vermitteln?“ Hier setzten die Anwesenden als „dritte Elternbriefgeneration“ – die eigenen Eltern haben die Elterbriefe teilweise selbst schon bekommen oder sind bereits im Sinne der „Peter Pelikan Briefe“ (Vorläufer der ANE-Elternbriefe) erzogen worden – ihre eigenen Akzente. Während es den eigenen Eltern eher darum gegangen sei, sich von autoritären Erziehungskonzepten abzusetzen - Kinder sollten zu Selbstbewusstsein erzogen werden, sie sollten sich frei entfalten und möglichst wenig Grenzen gesetzt bekommen - betonten unsere Gesprächspartnerinnen, Erziehung müsse vor allem „sozial verträglich“ sein. „Kinder müssen sich auch in eine Gemeinschaft einordnen können.“ Und: „Regeln sind ganz wichtig“. Gegen traditionelle Werte wie Sauberkeit, Ordnung, Pünktlichkeit sei im Prinzip nichts einzuwenden, „entscheidend ist aber, wie man dazu kommt“. Jede Familie müsse ihre eigenen Standards entwickeln, und ganz wichtig sei es, dass die Kinder einbezogen werden. Von den Elternbriefen wünschte sich eine Mutter, dass sie nicht nur die Werte in der eigenen Familie thematisieren. „Schwierig finde ich die Frage, wie man mit Familien umgeht, die andere Werte vertreten als man selbst. Vor allem dann, wenn es um die Familie geht, deren Kinder Freunde meiner Kinder sind.“ „Fühlen Sie sich als Eltern gut gerüstet, ihr Kind auf die Zukunft vorzubereiten?“ Schnell wurde klar, dass Eltern hier allein überfordert sind. „Hier muss die Schule viel mehr leisten.“ Neue Lernformen müssten entwickelt und ausprobiert werden, die Interessen der Kinder stärker berücksichtigt und ihnen mehr Raum für eigene Aktivität gegeben werden. In vielen Schulen sei schon einiges in Bewegung gekommen, manches liege aber noch im Argen. Vor allem Mütter von Jungen fanden, dass sich das schulische Lernen zu sehr an Mädchen orientiere. Jungen würden z.B. sicher mehr Spaß am Lesen haben, wenn es in den Lesebüchern weniger um „Soziales“ und mehr um technische Dinge ginge. Dieses Thema sollte auch in den Eltern- und Schulbriefen aufgegriffen werden. Aber auch auf Seiten der Eltern müsse sich manches ändern. Lernen sollte nicht immer mit Angst vor Überforderung verbunden sein. „In Frankreich zum Beispiel gehen die Kinder viel früher zur Schule, ohne dass es ihnen schadet, im Gegenteil.“ „Gerade auch in ärmeren Ländern sind Eltern viel mehr hinterher, dass ihre Kinder möglichst viel lernen. Sie haben nicht so viel Angst vor Leistungsdruck.“ Kinder sind von Natur aus neugierig und haben Freude am Lernen, im Kindergarten könne man das gut beobachten. „Mein Sohn hat ganz von alleine rechnen gelernt, ohne dass die Erzieherin etwas dazu getan oder es überhaupt bemerkt hat. Er hat es von anderen aufgeschnappt.“ Jedes Kind lerne in seinem eigenen Tempo - darauf sollte auch die Schule mehr Rücksicht nehmen. Ob Eltern ihrem Kind bei den Hausaufgaben helfen sollten, wie das offenbar von manchen Lehrerinnen und Lehrern erwartet wird, wurde unterschiedlich eingeschätzt. Einig waren man sich aber darüber, dass Eltern an der Schule Anteil nehmen und sich einmischen sollten. Denn demokratische Erziehung endet nicht zu Hause. „In der Zusammenarbeit mit den Lehrerinnen und Lehrern kann man das Handwerkszeug demokratischer Erziehung – Achtung und Respekt voreinander, Dialog- und Konfliktfähigkeit – gut gebrauchen.“
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