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„Von der Schuldzuweisung zur Erziehungspartnerschaft, Elternbeteiligung und Erziehungsvereinbarungen als Teil der Schulentwicklung“
Werkstattgespräch am 30. Oktober 2006 Werkstattgespräche haben inzwischen im ANE Tradition. Es sind informelle Treffen in kleinerem Kreis, bei denen es nicht um die Präsentation fertiger Arbeitsergebnisse geht, sondern um die Unterstützung eines laufenden Arbeitsprozesses durch Fragen und „lautes Denken“. Eingeladen waren Kollegen, Eltern, Lehrer und Multiplikatoren. Wie bei allen Veranstaltungen zum ANE-Jubiläum ging es auch bei diesem Gespräch um das Gründungsthema „Erziehung zur Demokratie“ und darum, was dies heute bedeuten kann. Von damals zu heute eine Brücke zu schlagen, war an diesem Abend nicht schwer. Denn in weiser Erkenntnis, dass Erwachsene das vorleben müssen, was Kinder lernen sollen, hatten sich 1946 unsere Gründungsmitglieder - Eltern und Lehrer - zunächst die „Selbsterziehung zur Demokratie“ als Aufgabe gesetzt. Nicht anders lautet die Aufgabe heute, auch wenn es nicht mehr um die Schaffung, sondern um den Erhalt der Demokratie geht. „Partnerschaft“, „Beteiligung“ und „Vereinbarung“ sind Begriffe, die für demokratische Haltungen und Umgangsformen stehen. Im Privat- und Geschäftsleben ist dieser Umgang inzwischen vertraut, in der Schule immer noch nicht. Dass er dringend notwendig ist, liegt spätestens seit PISA auf der Hand. Deshalb stärkt das neue Berliner Schulgesetz nicht nur die Elternrechte, sondern sieht auch in der Grundschulverordnung vor, dass zwischen Schule und Elternhaus Erziehungsvereinbarungen abgeschlossen werden, in denen die jeweiligen Verantwortlichkeiten von Schule und Eltern geregelt werden sollen. Welche Schulen haben solche Vereinbarungen schon getroffen und welche Erfahrungen haben sie damit gemacht? Das war die Frage, die uns im Vorfeld interessierte. Ergebnis: In Berlin sind zwar einige Schulen dabei, solche Erziehungsvereinbarungen zu diskutieren, aber wir haben nur eine einzige Schule gefunden, die diese Vereinbarungen schon seit längerer Zeit praktiziert, nämlich die Wilhelm-Hauff-Grundschule in Berlin-Mitte (Wedding/Gesundbrunnen). Deren Schulleiterin und zwei Elternsprecher waren bereit, uns im Rahmen des Werkstattgesprächs über die Schulentwicklung der letzten Jahre und die Erfahrungen mit den Erziehungsvereinbarungen zu berichten.
Aus Sicht der Schulleiterin, Frau Aden, begann die positive Schulentwicklung in den 1990er Jahren. Damals war sie Lehrerin an der Schule und wollte einen Montessori-Zug einrichten. Anders als heute war damals die Montessori-Pädagogik nicht allgemein akzeptiert, sondern stieß besonders bei der Schulverwaltung auf Skepsis und Widerstand. Trotzdem hatte Frau Aden Erfolg. Als die ersten Montessori-Klassen erfolgreich liefen und die Nachfrage stieg, lag die Versuchung nah, einen weiteren Zug zu eröffnen. Diesmal kämpfte sie darum, dieser Versuchung nicht nachzugeben, sondern stattdessen einen durchgängigen Zug von Klasse 1 bis 6 sicherzustellen. Ein Meilenstein für die Zusammenarbeit von Lehrern und Eltern war für sie die Feier des 100. Geburtstags der Schule im Jahr 1997. Denn Eltern und Lehrer waren mit großem Engagement an der Vorbereitung und Durchführung dieses Festes beteiligt. Um den dafür aufwendig und liebevoll gestalteten Schulhof vor Vandalismus zu schützen (die Schule befindet sich in einem Kiez mit hoher Verbrechensdichte), wurde z.B. am Vorabend des Festes ein Zeltlager im Schulhof aufgebaut, in dem Eltern und Lehrer Wache hielten. Dieses Erlebnis schweißte alle zusammen. Es blieb aber nicht bei diesem einen Erlebnis. Auf Initiative der Gesamtelternvertretung wurden für das folgende Schuljahr unter dem Motto „Die zehn Abenteuer des kleinen Muck“ (der kleine Muck ist eine Hauff-Märchenfigur und das Logo der Schule) zehn weitere klassenübergreifende Projekte geplant und mit großer Eltern- und Lehrerbeteiligung durchgeführt. Auch Frau Seeger-Rock (Elternsprecherin 4. Klasse) bekam durch das Schulfest den ersten positiven Eindruck von der Schule. Von ihrem Küchenfenster aus konnte sie nämlich auf das oben erwähnte nächtliche Zeltlager der Schule blicken. Obwohl sie schon oft mit dem Gedanken gespielt hatte, vor der Einschulung ihrer Kinder wegzuziehen, wurde sie neugierig und sah sich die Schule näher an. Sie hat keine Sekunde bereut, ihre Töchter dort eingeschult zu haben und ist begeistert von dem offenen und freundlichen Klima der Schule. Herr Kalisch-Jungen (Elternsprecher 2. Klasse) hatte sich zunächst bei der zuständigen Schule seines Einzugsbereichs gemeldet und dann bei der Wilhelm-Hauff-Grundschule. Für ihn war es ein „Unterschied wie Tag und Nacht“ und er war höchst erstaunt, dass Schulen auch anders als gewohnt mit Eltern umgehen, nämlich herzlich und offen - schon am Telefon. Dieses offene Klima erlebt er auch in seiner Funktion als Schulelternsprecher in Zusammenarbeit mit den Lehrern und der Schulleiterin. Warum läuft es an dieser Schule so anders als an anderen? In der Diskussion wurde kritisch hinterfragt, warum von einer Schule, die über 80% Migrantenschüler hat, nur deutsche Elternsprecher anwesend sind. Das sahen diese zwar auch als Problem, waren sich aber auch bewusst, dass ohne sie und ihre Vorgänger sich die Elternbeteiligung an der Schule nicht so gut entwickelt hätte. Außerdem habe die erste GEV-Sitzung gezeigt, dass auch das Engagement der Migranteneltern zunehme. Soweit zum Thema Schulentwicklung. Es folgte der mit Spannung erwartete Punkt „Erziehungsvereinbarungen“. Ein Exemplar dieser Vereinbarungen kreiste im Publikum, während Frau Aden erklärte, wie es dazu kam und welche Erfahrungen die Schule damit gemacht hat. Die Wilhelm-Hauff-Schule hat ein schwieriges Einzugsgebiet mit all den Folgen, die Armut und Arbeitslosigkeit für Erwachsene und Kinder mit sich bringen. Mit den Erziehungsvereinbarungen sollte Eltern bewusst gemacht werden, welchen Teil der Verantwortung sie für die Bildung und Förderung ihrer Kinder tragen. Eine von Schule und Eltern unterschriebene Vereinbarung über die wechselseitigen Pflichten schafft eine höhere Verbindlichkeit als mündliche Absprachen. Sowohl nach Meinung Frau Adens als auch der Elternsprecher haben die Erziehungsvereinbarungen das Klima an der Schule verbessert. Ihr Hauptvorteil liegt darin, dass Konflikte zwischen Eltern und Lehrern entschärft werden. Es reicht ein Hinweis auf das, was sie unterschrieben haben. Nach diesen Ausführungen begann eine sehr lebhafte Diskussion. Alle Anwesenden hatten inzwischen die Erziehungsvereinbarungen gelesen und sehr unterschiedlich aufgenommen. Die Reaktionen reichten von Enttäuschung, dass die Vereinbarung so allgemein gehalten ist bis zu Verständnis für die Eltern, die nicht unterschreiben, weil man bei sich selbst eine Trotzreaktion gespürt hat (warum soll ich eine solche Selbstverständlichkeit unterschreiben, mir wird wohl unterstellt, dass ich mein Kind nicht pünktlich zur Schule schicke). Die meisten Anwesenden empfanden die Vereinbarung allerdings als beruhigend (diese Schule meint es ernst, auch mit den eigenen Pflichten, da kann ich mein Kind beruhigt hinschicken). So ging es auch den beiden Eltersprechern, als sie die Vereinbarung zum ersten Mal lasen. Es folgten weitere Fragen: Wie ist eigentlich der Ablauf? Wann bekommen die Eltern die Vereinbarung? Wird etwas dazu gesagt? Was passiert, wenn Eltern nicht unterschreiben? Der Ablauf ist im allgemeinen so: Die Eltern bekommen die Vereinbarung am ersten Elternabend, der vor den Sommerferien stattfindet. Sowohl die zukünftige Klassenlehrerin als auch ein Elternsprecher erklären Sinn und Zweck dieser Vereinbarung und bitten die Eltern, sie am ersten Elternabend des neuen Schuljahrs unterschrieben mitzubringen. Wenn Eltern sich weigern zu unterschreiben (was nicht sehr häufig vorkommt), findet ein Gespräch mit der Schulleiterin statt. Frau Aden sagte, dass sie sich auf diese Gespräche freue (das klang sehr glaubhaft!), weil ihr diese Reaktion lieber sei als eine gleichgültige oder gehorsame Unterschrift. Wir waren nicht überrascht zu hören, dass bisher jedes dieser Gespräche mit einer Unterschrift endete. Resümee
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