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Vortrag: "Starke Kinder" Impulsreferat im Rahmen der Veranstaltungsreihe „Starke Kinder“ im FEZ am 29. April 2006 von Dr. Gisela Steppke-Bruhn Kinder „stark fürs Leben“ zu machen und Eltern in ihrer Erziehungskompetenz zu stärken ist auch Anliegen der Elternbriefe des Arbeitskreis Neue Erziehung. Aus Anlass des sechzigjährigen Bestehens des ANE liegt es nahe zu fragen: Was haben sich Eltern vor sechzig Jahren für ihr Kind gewünscht? 1946 war der zweite Weltkrieg gerade vorbei, es herrschte Lebensmittelknappheit, viele Kinder kamen untergewichtig zur Welt. Verständlicherweise wünschten sich Eltern in dieser Zeit, dass ihr Kind einmal „groß und stark“ werden sollte. Darüber hinaus sollten Kinder vor allem brav sein, fleißig, ordentlich und angepasst. Die Gründungsväter und -mütter des ANE hatten etwas anderes im Sinn: Kinder sollten zu „starken Persönlichkeiten“ erzogen werden. Das war durchaus politisch gemeint. Denn die Erinnerung die Schreckensherrschaft des Faschismus war noch lebendig, eine Zeit, in der viele Menschen unhinterfragt dem Führer gefolgt sind oder Angst hatten, ihre Meinung zu sagen. So etwas sollte nie mehr passieren! Der Arbeitskreis wollte durch eine „neue Erziehung“ dazu beitragen, dass aus Kindern selbständig denkende Menschen und Staatsbürger werden. Kinder sollten „demokratisch“ erzogen werden, sie sollten nicht blind gehorchen müssen, sondern schon in der Familie lernen, sich eine eigene Meinung zu bilden und zu vertreten. Starke Kinder – was stellen sich Eltern heute darunter vor? Starke Kinder sind selbstbewusst und können in Konkurrenzsituationen bestehen. Starke Kinder setzen sich aber nicht nur gegen andere durch, sie machen sich auch für andere stark! Die beliebten Kinder in einer Kindergruppe sind nicht die mit den Ellenbogen, sondern die, die auch abgeben können, auch mal ein anderes Kind auf die Schaukel oder später in der Schule auch mal abschreiben lassen. Zum Stark sein gehört Sozialverhalten dazu! Was macht Kinder stark und selbstbewusst? Es sind im wesentliche die beiden Bausteine: Akzeptanz und Kompetenz! Starke Kinder fühlen sich anerkannt und können etwas. Anerkennung zeigt man einem Kind, indem man ihm Aufmerksamkeit schenkt und Anteil nimmt an dem, was es beschäftigt, worüber es sich freut oder was ihm Kummer macht. Ein Kind fühlt sich anerkannt, wenn bei ihm die Botschaft ankommt: Ich bin für meine Eltern wichtig. Ich bedeute ihnen etwas. So wie ich bin, bin ich genau richtig! Bei Babys funktioniert das normalerweise ganz automatisch: Eltern sind von ihrem Neugeborenen geradezu hingerissen, jedes Lächeln, jedes Strampeln, jeder kleinste Laut wird begeistert kommentiert. Dieses für Außenstehende manchmal etwas eigenartige Verhalten ist für ein Baby ganz wichtig: Die Begeisterung der Eltern ist Nahrung für sein Selbstwertgefühl und für seine Entwicklung genauso lebenswichtig wie Muttermilch oder Babybrei! Ein Kind, das Laufen lernt, macht ein, zwei Schritte, dreht sich um, sein Blick scheint zu fragen: „Wie findest du das, war ich gut?“ Die Freude und der Stolz der Eltern sind Ansporn für seine nächsten Schritte. Wenn Eltern die ersten Worte ihres Babys in seiner Babysprache wiederholen, machen sie es genau richtig: Es fühlt sich verstanden und bestätigt, das schafft die Motivation für seine weitere Sprachentwicklung. Kinder, die solche Bewunderung nicht erfahren, sind in ihrer gesamten Entwicklung meist deutlich zurück! Bei älteren Kindern lässt die Begeisterung oft nach: „Wie siehst du denn schon wieder aus?“ „ Wie sieht es in deinem Zimmer aus?“ „ Hast du schon wieder deine Hausaufgaben nicht gemacht….“ bekommen sie öfter zu hören. Das ist ganz normal. Die Phase des Verliebt seins dauert, wie in jeder anderen Liebesbeziehung auch, nicht ewig. Nach einiger Zeit sehen Eltern ihr Kind kritischer und realistischer (das gilt übrigens auch umgekehrt). Es geht nicht darum, ein Kind pausenlos zu loben! Auch Kritik kann stark machen! Ein Beispiel dafür kann man ab und zu im Fernsehen sehen, wenn ein Boxkampf übertragen wird. Das Interessante sind die Pausen, in denen der Trainer den Boxer für die nächste Runde aufbaut. Dabei wird er ihm seine Stärken vor Augen führen („Mach genau so weiter!“), die Schwachstellen des Gegners aufzeigen („Da kannst du ihm angreifen!“) und immer wieder versichern: „Du schaffst es!“ Eltern sollten sich öfter wie gute Trainer verhalten! Kommt das Kind mit einer Fünf in Mathe nach Hause, würde man zum Beispiel nicht sagen: „Das hast du nun von deiner Faulheit, wenn du so weiter machst, dann bleibst du noch sitzen....“ Selbst wenn es stimmen mag - es hilft nicht weiter! Als guter Trainer oder Coach würde man mit seinem Kind überlegen: „Woran hat es gelegen?“ „Welche Unterstützung brauchst du?“ Man würde es erinnern an Situationen, in denen es durch Anstrengung etwas geschafft hat und ihm für die nächste Runde, die Klassenarbeit, eine Ermutigung mit auf den Weg geben: „ Ich bin ganz sicher, wenn du jeden Tag eine viertel Stunde übst, wird die nächste Arbeit besser.... .“ Das ist nicht unbedingt ein Patentrezept. Aber wem etwas zugetraut wird, der traut sich auch selbst etwas zu! Das ist die halbe Miete für den Erfolg. Die andere Hälfte ist das Können, die Kompetenz. Kompetenz fördert man, indem man einem Kind (oder einem Erwachsenen!) möglichst oft die Chance gibt, etwas alleine zu schaffen, indem man ihm Gelegenheit gibt, zu zeigen, was es kann. Auch das fängt im Babyalter an. Ein Baby, das noch nicht krabbeln kann, entdeckt einen Gegenstand (einen Ball, ein Handy....). Es reckt und streckt sich danach, ächzt und quengelt .... und freut sich, wann ihm den Gegenstand gibt. Legen Sie ihn stattdessen einmal einfach nur in Greifnähe Ihres Kindes, so dass es ihn selbst erreichen kann. Zur Freude kommt dann der Stolz auf die eigene Leistung dazu! Nicht etwas zu haben, sondern etwas zu können macht nämlich stark! Die Rolle der Eltern ist dabei, ihrem Kind zu helfen, es alleine zu schaffen - Hilfe zur Selbsthilfe also. Im Alltag tun Eltern das meistens, ohne darüber nachzudenken: Sie räumen Gefahren aus dem Weg, wenn ihr Kind laufen lernt und sorgen dafür, dass es sich an etwas hochziehen und entlang hangeln kann. Beim Zähneputzen schrauben sie den Verschluss der Zahnpastatube ab, den Rest kann das Kind allein. Ein auf die Gummistiefel geklebter roter und grüner Punkt sorgen dafür, dass der richtigen Schuh an den richtigen Fuß kommt... Oft kostet es allerdings viel Zeit, Kraft und Nerven, die Selbständigkeit des Kindes zu fördern! Zum Beispiel geduldig daneben zu sitzen und zuzusehen, wie ein Zweijähriges die Marmelade aufs Messer balanciert und großzügig über Brötchen und Pullover verteilt – da nimmt man die Sache vielleicht lieber selbst in die Hand. Es dauert manchmal länger und ist mühsamer, sein Kind zum Zimmer aufräumen zu überreden, als es selber zu machen. Wie sollen also Eltern das alles schaffen - Aufmerksamkeit schenken, Interesse zeigen, Selbständigkeit fördern, wenn die Zeit knapp ist, man erschöpft ist vom anstrengenden Job oder wenn noch ein zweites oder drittes Kind da ist, das alles das auch braucht? Starke Kinder brauchen starke Eltern – aber keine perfekten Eltern! Eltern, die immer alles richtig machen, gibt es nicht. Wie andere Menschen auch sind Eltern mal ungeduldig oder ungerecht, rasten aus oder sind mit sich selbst beschäftigt. Für ein Kind ist entscheidend, dass die Beziehung „stimmt“, dass es sich grundsätzlich angenommen fühlt. Der Pädagoge Dieter Schnack hat einmal (in seinem sehr schönen Buch über kleine Jungen – „Kleine Helden in Not“ im Rowohlt-Verlag) sinngemäß gesagt: „Wenn man als Vater oder Mutter nach Hause kommt, und der andere hat schon mal den Ofen angeheizt, kann in der Erziehung eigentlich nicht viel schief gehen.“ Wenn Eltern sich gut fühlen und mit sich und ihrer Situation zufrieden sind, klappt es auch mit den Kindern. Um sich gut und stark zu fühlen, brauchen Eltern im Prinzip genau dasselbe wie Kinder: Anerkennung und das Gefühl, etwas zu können. Im Unterschied zu Kindern müssen Eltern selbst für sich sorgen - und das ist manchmal nicht einfach! Es gibt Situationen – längere Arbeitslosigkeit, Beziehungskrisen, Trennung oder Scheidung, Ärger im Beruf oder Krankheit – in denen man sich infrage gestellt oder wertlos fühlt. Dann fällt es besonders schwer, als Vater oder Mutter stark zu sein. Für solche Situationen kann hier kein Rat gegeben werden, außer dem einen: sich Rat und Hilfe zu holen! Eine Beratungsstelle aufzusuchen ist kein Zeichen von Schwäche, sondern von Verantwortung. Was Mütter und Väter im ganz normalen Eltern-Alltag für ihr Selbstbewusstsein tun können: Wenn Sie das geschafft haben, haben Sie mehr für ihr Selbstbewusstsein getan als mit einem ganzen Sack guter Vorsätze.
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