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Werkstattgespräch „Gemeinschaftsschule – Ein Schritt nach vorn?“ - ein Impulsreferat von Hildegard Lierow 28. Juni 2007 in der Geschäftsstelle des ANE e.V. mit Steffen Zillich (PDS-Die Linke) und Mieke Senftleben (FDP) Gemeinschaftsschule – was verbindet uns mit diesem Thema? Vor einem Jahr feierten wir den 60. Geburtstag unserer Vereinsgründung. Wie bei allen Geburtstagen dieser Art, nahmen auch wir dieses Datum zum Anlass, unsere Vereinsgeschichte anhand der vorhandenen Dokumente vor unseren Augen Revue passieren zu lassen. „Unsere Augen“ waren in diesem Fall die der relativ alten Kollegen/innen zusammen mit denen der neuen. Gemeinsam richteten wir in einem Kollegiums-Workshop den Blick zurück auf unsere Wurzeln und waren erstaunt, wie wenig die Diskussionen unserer Gründungseltern mit der Erziehung in der Familie zu tun hatten und wie stark - fast ausschließlich - sie sich mit der Erziehung in der Schule befassten. Grund: Sie waren in der Reformschulbewegung der Weimarer Republik aktiv gewesen und fanden darin nach Kriegsende einen gemeinsamen Anknüpfungspunkt. Nicht ohne Grund nannten sie sich „Arbeitskreis Neue Erziehung“. Denn „Neue Erziehung“ war in den 20er Jahren der Sammelbegriff für alle Formen der Reformpädagogik. Beispielhaft für unsere Gründer steht der Lebenslauf unseres ersten Vereinsvorsitzenden Albert Gosse. Seinen Wunsch, Lehrer zu werden, kann er nicht verwirklichen, weil sein Vater früh starb und er seine Mutter unterstützen muss, die mit Heimarbeit ihre Kinder nur notdürftig durchbringen kann. Er schließt eine Ausbildung zum Damenfriseur ab und macht sich 1914 selbstständig. Da beginnt der Erste Weltkrieg und er zieht wie alle anderen seiner Generation in den Krieg. Nach Kriegsende ist er für kurze Zeit Mitglied im Soldatenrat und kehrt dann wieder in sein Geschäft zurück. 1920 wird sein erstes Kind, ein Sohn, geboren. Da regt sich wieder sein altes Interesse an Erziehungsfragen. Zufällig stößt er auf einen Artikel über die Montessori-Methode und kommt so zur Montessori-Gesellschaft, deren Mitglied und Kassenwart er wird. Er lernt Stadtschulrat Paulsen kennen und liest sein Buch „Überwindung der Schule“ über das Konzept der Lebensgemeinschaftschule. Als sein Sohn schulreif wird, gibt er ihn in eine Lebensgemeinschaftschule in Wedding. „Hier lernte ich den Wert der Elternmitarbeit in der Schule kennen“. An diese Erfahrungen will er nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs mit anderen Gesinnungsgenossen anknüpfen. Während der Zeit des Faschismus waren sie von der pädagogischen Diskussion abgeschnitten. Um diese Lücke zu füllen, treten sie wieder dem „Weltbund zur Erneuerung der Erziehung“ bei. Ihr Hauptziel ist in den Anfangsjahren, auf das künftige Schulsystem Einfluss zu nehmen. Sie organisieren Diskussionsveranstaltungen, bei denen regelmäßig über 200 Eltern und Lehrer teilnehmen. Im Zentrum steht die Frage, wie die Schule, die bisher für Diktatur und Unterdrückung stand, demokratisch umgestaltet werden kann. Ihre Hauptforderungen waren damals: Es kam aber anders: Die zunehmenden Spannungen zwischen den westlichen Besatzungsmächten und der Sowjetunion, die Berlin-Blockade und schließlich die Teilung Deutschlands bewirkten, dass die Umgestaltung des Schulsystems zu einer ideologischen Frage zwischen West und Ost und zum heiß umstrittenen Wahlkampfthema der Abgeordnetenhauswahl 1950 wurde. Die Berliner SPD zog ihre volle Unterstützung der Einheitsschule zurück, weil die Bundesrepublik sich nach Westen orientierte und sie den Anschluss an die anderen westlichen Bundesländer nicht verlieren wollte. Ergebnis: Wiederherstellung des dreigliedrigen Schulsystems mit der einzigen bis heute existierenden Ausnahme einer 6-jährigen Grundschule. Darauf aufbauend gab es die Oberschule praktischen, technischen und wissenschaftlichen Zweigs. Diese Bezeichnungen wurden erst 1966 den westdeutschen angeglichen: Hauptschule, Realschule und Gymnasium. Die gemeinsame Bezeichnung „Oberschule“ wurde allerdings beibehalten, was nicht nur die Zuwanderer aus Westdeutschland, sondern später auch die aus dem Ausland sehr verwirrte. Mit dem Besuch Richard Kellers aus den USA im Jahr 1959 und dem folgenden Import der Peter-Pelikan-Briefe begann die Hinwendung des ANE zum Kleinkind und damit eine Entwicklung, die bis heute prägend ist für den Verein. Trotzdem gab es in den folgenden Jahrzehnten immer wieder Höhepunkte des Engagements auch in schulpolitischen Fragen. In den 70er Jahren ist der ANE mit seinem schulpolitischen Ausschuss maßgeblich an der Formulierung der Elternbeteiligung im Schulverfassungsgesetz beteiligt. In den 80er steht das Thema „Integration“ auf der Vereins-Agenda: Zunächst die Integration der ausländischen Schüler (so wurden sie damals noch genannt). Wir gaben Elterngruppen aus verschiedenen Communities bei uns Raum, um sich zu treffen und ihre Interessen zu formulieren und machten uns stark für einen Unterricht auch in der Muttersprache. Eltern und Kindern nichtdeutscher Herkunft eine Stimme zu geben, war damals keinesfalls selbstverständlich und politisch auch nicht gewollt. Politisch schwierig durchzusetzen war auch das Ziel, behinderte Kinder nicht mehr in Sonderschulen unterrichten zu lassen, sondern zusammen mit nicht behinderten Kindern in der allgemeinen Schule. Berlin wurde bei diesem Thema zwar zum Vorreiter für ganz (West-)Deutschland, aber hat diesen Ruhm allein den hartnäckigen Eltern zu verdanken, die nicht einsehen wollten, dass ihr behindertes Kind in eine Sonderschule gehen sollte. Eine dieser vielen Hartnäckigen, Sophia Scharpf, saß in unserem Vorstand und eine andere, Monika Rebitzki, arbeitete in unserem Verein. Darauf, dass wir an dieser Reform mitgewirkt haben, sind wir immer noch - und zu Recht - stolz. Denn abgesehen davon, dass es eine Reform war, die einzig und allein von Eltern erkämpft wurde, war sie auch eine, von der viele sagen, dass sie nach den Reformen der 20er Jahre die einzige wirkliche schulische Neuerung im vergangenen Jahrhundert in Deutschland war. Nach diesem Höhenflug zurück zur Ausgangsfrage: Was verbindet uns mit den Vorstellungen unserer Gründer von der Gemeinschaftsschule? Eigentlich will ich aber zunächst sagen, was uns von ihnen trennt. Das wurde mir sofort klar, als ich – als Vorbereitung auf den heutigen Abend - einen Blick in die Originalschriften einiger Reformpädagogen der Weimarer Zeit geworfen habe. Verglichen damit ist die Senatsvorlage für Gemeinschaftsschulen einfach nur totes, bürokratisches Papier. Als ich deren Schriften las, war ich einfach hingerissen von dem leidenschaftlichen Impetus und von der ungeheuren Radikalität der Ideen. Und das Erstaunliche: Da schrieben ja nicht irgendwelche Alternative, wie wir sie heute nennen würden, sondern Männer in Amt und Würden, (wenn auch Sozialdemokraten, das war damals in diesen Positionen noch selten), nämlich ein Stadtschulrat Paulsen und ein Schulleiter Karsen, also Menschen, die etwas bewirken konnten und es auch taten. Das, was Dewey als die „kopernikanische Wende“ der Reformpädagogik bezeichnete, nämlich dass die Schule vom Kind aus gedacht wird, wurde in den Lebensgemeinschaftschulen tatsächlich umgesetzt. Aus heutiger Sicht lässt sich das schwer fassen, weil wir in Kategorien von Schüler- und Elternbeteiligung denken. Um Beteiligung im Sinne von Schüler und Eltern an etwas Vorgegebenem mitwirken zu lassen, ging es aber bei diesem Konzept nicht, sondern eben darum, eine schulische Gemeinschaft zusammen entstehen zu lassen. Wie immer war auch dieses revolutionäre Konzept im Alltag schwer durchzuhalten. Einige Lehrer - das wird in der Literatur nicht verhehlt - quittierten nach einigen Jahren den Dienst, weil er zu anstrengend war. Immerhin waren sie immer noch so beseelt von der Idee und den Erfahrungen der Lebensgemeinschaftsschule, dass sie sie in ihren neuen konservativeren Kollegien verbreiteten. Bleibt also etwas, was die damaligen Lebensgemeinschafts- und sonstigen Reformschulen mit den heutigen Gemeinschaftsschulen verbindet? Ja, und das ist ernüchternd: Die Gemeinsamkeit besteht darin, dass die Reformschulen der Weimarer Republik bis auf drei Ausnahmen alle Volksschulen waren. Obwohl die heutigen Gemeinschaftsschulen nichts mit den damaligen Lebensgemeinschaftsschulen gemein haben, verbindet sie trotzdem die geringe Zahl.
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