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Empfang im ANE am 25. Januar 2005 Tobias Rülcker: Rede bei der Verleihung des Bundesverdienstkreuzes Sehr geehrte Damen und Herren, liebe Freunde. Ich danke Herrn Senator Böger und allen Festteilnehmern und Festteilnehmerinnen, dass Sie hierher in den Arbeitskreis Neue Erziehung gekommen sind, um mit mir zu feiern. Wenn man, wie ich, viele Jahre für den Arbeitskreis Neue Erziehung gearbeitet hat, so liegt es nahe, an einem Tag wie dem heutigen sich zu fragen, wo die Wurzeln für das bald 30-jährige Engagement für die Neue Erziehung liegen. Menschliche Motive sind sicher immer gemischt, sicher gab und gibt es auch den Ehrgeiz, “Vorstand” zu sein. Aber das ist doch nicht alles. Wenn ich über die Frage nachdenke, so drängt sich mir eine Erfahrung mit mir selbst auf, in der sich ein anderes Motiv zeigt - eine Erfahrung, die weit in meine Jugend zurückreicht. Als der Zweite Weltkrieg mit der Niederlage Deutschlands endete, erlebte ich eine tiefe Erschütterung und Verunsicherung. Ich komme aus einem klein-bürgerlichen, nationalsozialistischen Elternhaus, mein Vater war ein kleiner Parteifunktionär, ich selbst war im Jungvolk, zwar ohne rechte Begeisterung, aber die NS gesellschafts- und Staatsordnung, das große Reich, die Ideologie der Volksgemeinschaft - das war für mich eine selbstverständliche Lebensumwelt. In der Familie gab es, wie gesagt, keine Denkanstöße zu Zweifel oder gar Kritik. Meine Mutter glaubte noch im April 1945 an den Endsieg. Infolgedessen sträubte ich mich energisch, fast verzweifelt, dagegen, die Niederlage und das Ende dieser ganzen Welt zu akzeptieren. Ich erinnere mich, dass ich durch die Straßen von Melsungen - wohin wir geflüchtet waren - ging und zwischen zusammengebissenen Zähnen als Protest die nun verbotenen Nazi-Lieder sang. Indes ich war schon damals ein leidenschaftlicher Zeitungsleser und nicht angekränkelt von der Skepsis gegenüber Gedrucktem. Die Zeitungen waren damals, 1945 und 1946, voll mit Berichten über die furchtbaren Untaten in den KZ-Lagern. Dazu kamen Berichte über Widerstandskämpfer und ihr Schicksal, das oft in Folter und grausamen Tod bestand. Alle diese Berichte verfehlten je länger je mehr ihre Wirkung auf mich nicht. Irgendwann im Jahre 1946 erlebte ich eine tiefgreifende Wandlung meiner politischen Einstellung: Es wurde mir klar, dass das von den Nationalsozialisten und ihren Mitläufern errichtete Regime eine unhumane mörderische Diktatur war, der niemand nachzutrauern brauchte, sondern dass die Zukunft Deutschlands im Aufbau einer zivilen Gesellschaft und eines gerechten Staates lag. Und zugleich sagte ich zu mir selbst: Lieber Tobias, wenn es je wieder zu einem faschistischen Regime auf deutschen Boden käme, so hättest Du angesichts des mörderischen Charakters einer solchen Herrschaft und des hohen persönlichen Risikos wohl nicht den Mut zum Widerstand. Also muss man für die Demokratie eintreten, so lange das ohne Gefahr für Leib und Leben möglich ist. Dieser Gedanke, eine demokratische Gesellschaft aufzubauen, zu bewahren, zu erweitern hat für mein persönliches, mein berufliches, mein publizistisches und mein ehrenamtliches Leben eine große Rolle gespielt. Ein Verband, der von politisch wachen Menschen im Jahre 1946 gegründet wurde, um demokratische Erziehung in Familie und Schule zu fördern, entspricht also recht genau meinen Vorstellungen davon, womit sich Bürger und Bürgerinnen in ihrer Freizeit beschäftigen sollten. Bei diesem Nachdenken über mich selbst ist mir auch klar geworden, wie vieles in meiner beruflichen Laufbahn, ich Menschen und Ereignisse verdanke, die mich gefördert haben, wie tief in mein Leben andere eingegriffen haben und wie mache Erfahrungen prägend für mein Leben gewesen sind. Ich will nur ein paar Beispiele nennen, die mir besonders wichtig sind. Vieles verdanke ich meinen Eltern, das ist gar nicht aufzählbar. Für meine berufliche Laufbahn entscheidend war, dass sie mich das Gymnasium besuchen und das Abitur machen ließen, obwohl sie nach dem Krieg in ganz beengten Verhältnissen von Sozialhilfe lebten. Dankbarkeit gilt meinen Lehrern am Gymnasium in Melsungen, die mich gefördert haben, die mich nie haben spüren lassen, dass ich nicht aus den besseren Kreisen der Stadt stammte. In meiner Schulzeit, sicher mitbedingt durch den Umbruch nach dem Krieg, habe ich so etwas wie Chancengleichheit erfahren. Meine Dankbarkeit gilt der damaligen Hessischen Landesregierung unter der Leitung des Sozialdemokraten Georg August Zinn, die gerade rechtzeitig vor dem Beginn meines Studiums ein Gesetz verabschiedet hatte, das Landeskinder von allen Studiengebühren befreite. Diese Öffnung der Universitäten für Studierende an weniger begüterten Familien war ein Schritt in der Aufarbeitung des Nationalsozialismus. Ohne das hätte ich nicht studieren können. Diese Erfahrung bestimmt bis heute meine Überzeugung, Studiengebühren für unsinnig zu halten. Vieles verdanke ich meinen akademischen Lehrern. Stellvertretend für andere nenne ich nur meinen Doktorvater Martin Rang. Er hat meine Dissertation durch sein Interesse, seine Anregungen, die Zeit, die er mir gewidmet hat, in einer Weise gefördert, die ich mir bis heute zum Vorbild bei dem Umgang mit meinen Doktoranden und Diplomanden nehme. Das Land Berlin darf in diesem Reigen natürlich auch nicht fehlen. Ende der sechziger Jahre war es einer der Vorreiter der leider nur zu kurzen deutschen Bildungsoffensive. Bessere und mehr Bildung heißt nach damaligen bildungspolitischen Verständnis kleinere Klassen, mehr Schuljahre, mehr qualifizierte Abschlüsse; dazu braucht man mehr Lehrer und natürlich auch mehr Professoren zu ihrer Ausbildung - und so erhielt ich ziemlich unverhofft das Angebot einer Stelle in Berlin. Viele meiner Kollegen in Westdeutschland sagten erschrocken: Nach Berlin wollen Sie, wo diese revolutionären Studenten sind? Und dann wird es doch sowieso bald vom Osten geschnappt. Nur mein damaliger Chef Wolfgang Klafki, in Marburg sagte: Herr Rülcker gehen Sie, nehmen Sie das Angebot an, so eine Chance kommt nie wieder. Damit konnte ich auch meine Familie überzeugen, und so brachen wir Ende 1970 in den wilden Osten auf. Der Weg nach Berlin war auch der Weg zur Neuen Erziehung. Drei Personen sind es, die mich zu ihr geführt haben. Mein Kollege Wolfgang Schulz hat mich für sie angeworben. Meine Kollegin und heutige Ehefrau Monika Kraker hat mich in ihr verankert. Von ihr habe ich die Praxis der Elternbildung gelernt, mit ihr habe ich viele Tagungen, Familien- und Elternbildungsveranstaltungen durchgeführt. Sie war für mich auch ein Verbindungsglied zur älteren Generation der Neuen Erziehung wie vor allem Grete Sonnemann. Schließlich, meine Lehrzeit als Vorstand habe ich durch Ilse Reichel-Koß erfahren, im jahrelangen Umgang mit ihr und in zahllosen Gesprächen, wenn ich sie abends nach Hause fuhr. Mein Dank richtet sich an die Mitglieder des ANE, die mich immer wieder gewählt haben, die mir ihr Vertrauen schenkten, obwohl ich - insbesondere in der ANE-Krise - auch Führungsfehler gemacht habe. Über einige dieser Fehler ärgere ich mich noch heute. Mein Dank gilt auch all den Mitarbeiterinnen des ANE, die über die Jahre hin mit mir zusammengearbeitet haben. Schließlich im letzten Dank: Das Bundesverdienstkreuz hätte ich sicher nicht erhalten, wenn der Arbeitskreis heute von Subventionskürzungen gebeutelt mickrig dahinvegetierte. Dass er auch heute so gut dasteht und ein solches Ansehen genießt, dass er seinen Ehrenvorsitzenden mit einem Bundesverdienstkreuz überraschen kann, das verdankt er der Innovationskraft, Fantasie und Arbeit von Heidemarie Arnhold, Gundel Hessemer und Gabi Unger.
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